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Marianne Weno
greift monatlich aktuelle Ent- wicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.
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Die Wände hochgehen
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Artenschutz - wo sitzen die Bremser?
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Halali mit Nebenwirkung

Kolumne im Januar 2010
Die Wände hochgehen...
Beginnen wir das Jahr mit einer schönen Utopie. So könnte die Stadt der Zukunft aussehen: Statt grauer Fassaden und salzkranker Straßenbäume überall grüne und blühende Wände, die als biologische Klimaanlagen wirken, die Luft reinigen und dem Betrachter einen Hauch von Dschungel vermitteln. Noch sind wir weit davon entfernt, aber Anfänge gibt es.
Pflanzen können die Wände hochgehen. Gemeint sind nicht Kletterpflanzen wie Efeu und wilder Wein, die an alten Hausfassaden wachsen. Heute gibt es „vertikale Gärten“, in denen eine große Vielfalt an blühenden Stauden, Farnen und Moosen gedeiht, in denen Vögel nisten und Bienen und Hummeln umherschwirren.
Als Pionier des neuen Trends gilt der französische Botaniker Patrick Blanc, ein leicht exzentrischer Herr mit grün gefärbten Haaren. Zwar haben schon vorher Architekten und Landschaftsgärtner mit begrünten Wänden experimentiert, aber die spektakulärsten Ergebnisse stammen von ihm. Kürzlich zeigte die RBB-Sendung Gartenzeit eindrucksvolle Bilder von üppig bewachsenen Gebäuden in Paris. Patrick Blanc hat eine Konstruktion entwickelt und patentieren lassen, die es möglich macht, Pflanzen vieler Arten dauerhaft an beliebig hohen Wänden wachsen zu lassen. Pflanzen brauchen keine Erde, sondern nur Wasser, Mineralien und Licht. Blanc verwendet Filz aus Acryl, den er an einem Metallgerüst vor der Fassade anbringt, und ein System aus Bewässerungsrohren, aus dem die Pflanzen genau so viel Wasser aufnehmen, wie sie brauchen. Sie werden in den Filz eingesetzt und gedeihen. Pflege ist kaum nötig, nur ein gelegentlicher Rückschnitt. Es entstehen kleine Ökosysteme, die sich über Jahre selbst erhalten.
Wie im Dschungel
Viele seiner Pflanzen findet der Botaniker auf seinen vielen Reisen durch die Kontinente. Je wärmer das Klima, umso größer die mögliche Vielfalt. In Avignon konnte er mehr als 400 Arten verwenden, in Gegenden wie bei uns, in denen es im Winter friert, sind es weit weniger, aber auch dort können abwechslungsreiche grüne Wände entstehen.
Es begann 1988 bei einer Gartenschau in Chaumont sur Loire, wo Patrick Blanc seine Entwürfe vertikaler Gärten präsentierte. Dort entdeckte ihn der Architekt Jean Nouvel und überredete ihn zu seinem ersten großen Projekt. Er begrünte die Fassade des Musée du quai Branly. Inzwischen hat er in aller Welt die Fassaden großer Bauwerke in einen grünen Dschungel verwandelt. Das erste Projekt in Deutschland ist bescheiden ausgefallen: Die Galeries Lafayette in Berlin, ebenfalls von Jean Nouvel gebaut, erhielt eine acht mal acht Meter hohe grüne Wandfläche über dem Eingang. Dort wachsen Pflanzen aus Mitteleuropa, Asien und Nordamerika.
Es geht aufwärts
In den Städten werden Flächen, auf denen Pflanzen Platz finden, immer rarer und teurer. Dabei ist ihre Funktion, die Luft zu reinigen und zu kühlen, für das Stadtklima wichtiger denn je. Der Gedanke, platzsparend in der Senkrechten zu pflanzen, setzt sich allmählich durch. Die Methode von Patrick Blanc ist mit 500 bis 700 Euro pro Quadratmeter relativ kostspielig, dafür aber sehr dauerhaft. Obwohl er gern triste Innenstadtquartiere in grüne Oasen verwandeln würde, konnte er bisher nur die Fassaden repräsentativer Gebäude gestalten. Davon stehen aber immer mehr in aller Welt, und er kann sich vor Aufträgen kaum retten.
Dass der Anblick des üppigen Grüns anstelle grauer Fassaden den Menschen wohltut, ist keine Frage. Zur Wirkung auf die Umwelt befragt, meint Patrick Blanc, wie alle Pflanzen würden auch seine grünen Wände die Luft reinigen. Um eine Stadt sauber zu halten, bräuchte man allerdings sehr viele solcher senkrechten Gärten. Aber die Idee ist in der Welt. Das Vorbild von Patrick Blanc hat Architekten und Landschaftsgärtner dazu gebracht, andere, preisgünstigere Methoden zu entwickeln. Der Gedanke könnte sich ausbreiten und Wurzeln schlagen – wie die Pflanzen an der Wand.
Marianne Weno
Kürzlich erschienen:
Patrick Blanc: „Vertikale Gärten: Die Natur in der Stadt.“
192 Seiten, 383 Farbfotos, Ulmer Verlag 2009
