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Marianne WenoMarianne Wenoundefined greift monatlich aktuelle Ent- wicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.

Kolumne Archiv

Kolumne im Juli 2010

Wild, wilder, Wildnis?

Plötzlich ist „Wildnis“ wieder im Gespräch, aber was damit gemeint ist, weiß niemand so ganz genau. Vor drei Jahren gab es einen Beschluss der Bundesregierung, dass bis 2020 zwei Prozent des Bundesgebietes in Wildnis umgewandelt werden sollten. Seitdem hat man wenig darüber gehört und geschehen ist auch nicht viel. Aber jetzt hat Brandenburg das 2-Prozent-Ziel aufgegriffen und will 60 000 Hektar der Landesfläche verwildern lassen. Im Mai fand in Potsdam eine Wildniskonferenz statt, auf der Umweltministerin Anita Tack diese Pläne verkündete. Die Teilnehmer verabschiedeten eine Resolution, in der Wildnis definiert wird als „große, weitgehend unzerschnittene Gebiete... frei von menschlicher Einflussnahme.“

Mit dem ursprünglichen Wildnisbegriff hat das wenig zu tun. Er bezeichnet Gebiete, die über lange Zeiträume ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben, weil sie unentdeckt oder schwer zugänglich waren oder den Menschen wenig Nutzen versprachen. Man spricht auch von „primärer Wildnis“. In Europa gibt es nur noch Reste davon in Hochgebirgsregionen.

Viele Fragen

Umweltverbände unterstützen die Pläne, große Flächen für die Natur freizuhalten. Aber kann man Wildnis künstlich herstellen? Wenn überhaupt, wäre das eine Aufgabe für Generationen. Und nimmt die Artenvielfalt wirklich zu, wenn man die Gebiete ganz sich selbst überlässt? Wenn zum Beispiel eine offene Heide- oder Wiesenlandschaft nicht mehr beweidet wird, entsteht daraus an den meisten Standorten irgendwann Wald und der wird wahrscheinlich ärmer an Arten sein als vor Beginn der „Verwilderung“. Die Sielmann-Stiftung hat in der Döberitzer Heide erfolgreich Wasserbüffel, Rotwild und Wildpferde angesiedelt, um eine solche Entwicklung zu verhindern. Aber sie spricht auch nur von „wildnisähnlichen“ Zuständen.

Gibt es bei uns überhaupt noch Gebiete, die von menschlichen Einflüssen völlig freigehalten werden können? Die Überdüngung der gesamten Kulturlandschaft lässt sich nicht rückgängig machen, und sie geht weiter durch Abgase aus Verkehr und Industrie.

Widerstände überall

Zwar ist Brandenburg in seinen Randbereichen dünn besiedelt. Viele Menschen, vor allem die jüngeren, sind abgewandert. 2007 hatte das Berlin Institut in einem Gutachten Wegzugsprämien für die verbliebenen Bewohner vorgeschlagen, um Platz für Naturreservate zu schaffen. Die Idee ist heute zu Recht vergessen. Jetzt denkt man wieder an ehemalige Truppenübungsplätze und Tagebaufolgelandschaften. Aber da ist die Konkurrenz groß. Platz für Solar- und Windkraftanlagen wird gesucht und zunehmend auch für Biomasse-Plantagen, wie Vattenfall sie plant.

Draußen bleiben...?

Werden Totalreservate von den Menschen akzeptiert? Der Streit um die Kernzone des Nationalparks Unteres Odertal zeigt, wie emotional belastet solche Pläne sind. Gedacht ist jetzt zum Beispiel an das ehemalige Bombodrom, die Kyritz-Ruppiner Heide. Aber wollen die Menschen, die jahrelang gegen die militärische Nutzung gekämpft haben, sich nun aussperren lassen? Ist es möglich, durch Wanderwege, Aussichtspunkte und Führungen begrenzt Tourismus zuzulassen? Mit „Wildnis“ assoziiert man eigentlich „Abenteuer“. Davon ist man hier weit entfernt. Der Begriff ist verfehlt, nicht aber die Sache. Es ist richtig und notwendig, große Schutzgebiete zu schaffen und zu vernetzen, damit sich Natur frei und ungestört entwickeln kann. Wie das geht, zeigt die Auenlandschaft im Unteren Odertal, wo sich – auch ohne Totalreservat – viele selten gewordene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt haben. Aber ein Zurück zu den Verhältnissen, wie sie vor Industrialisierung und moderner Landwirtschaft bestanden, wird es nicht geben, Wildnis bleibt eine Illusion.

Marianne Weno