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Reinhard Schubert

Stellvertretender Vorstandsvorsitzender von 1996-2005

Dass Kindheitserlebnisse einen Menschen prägen, ist eine unbestrittene Erfahrung. Noch heute erinnert sich Reinhard Schubert dankbar jener unbeschwerten Jahre, die er als junger Mensch im heimatlichen Elend, einer 500-Seelen-Gemeinde am Fuße des Harzer Brockens, verbringen durfte. Hier, im reizvollen Tal der Kalten Bode, inmitten ausgedehnter Wiesen und Wälder, erlebte er spielend und hautnah die Schönheit der heimischen Flora und Fauna. Hier erwachte seine Liebe zur Natur und reifte sein Wunsch, sie mit der beruflichen Zukunft zu verbinden.

Zeitgleich mit dem Abitur an der Erweiterten Oberschule Wernigerode macht er 1969 seinen Abschluss als Gartenbaufacharbeiter für Zierpflanzenproduktion – ein Zertifikat, das nicht nur eine berufliche Qualifikation bestätigt, sondern ihm auch die Möglichkeit eröffnet, die Zeit bis zum Erhalt des erstrebten Studienplatzes (Wunschfach Biologie) auf sinnvolle Weise zu überbrücken. Auf Empfehlung des Rates für Landwirtschaftliche Produktion und Nahrungsgüterwirtschaft bietet ihm die Kreispflanzenschutzstelle die Funktion eines Pflanzenschutzwartes an, einen nicht eben üppig bezahlten Job, der aber dennoch (nicht nur wegen des „tollen Titels“) für den gerade 18-jährigen Abiturienten eine höchst interessante Tätigkeit verspricht. Zum ersten Mal kann er eigenständig arbeiten, kann er selbst seine Tagesabläufe bestimmen und - was vor allem zählt – seinen Wissens- und Erfahrungsschatz um wertvolle praktische Erkenntnisse bereichern.

Viel hätte damals nicht gefehlt und Reinhard Schubert hätte seine akademischen Zukunftspläne der liebgewordenen praktischen Arbeit geopfert. Dass er es nicht tut, verdankt er nicht zuletzt der Einflussnahme seiner Eltern. Ihre Argumente überzeugen ihn, sich (nach einer ersten Ablehnung durch die Uni Halle) erneut um einen Studienplatz zu bewerben – diesmal an der Uni Rostock. Auch hier will er Biologie studieren, Meeresbiologie am allerliebsten. Doch wie in Halle hat er auch in Rostock die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Biologie ist total überlaufen – 20 Bewerber auf eine Stelle. Immerhin eines kann man dem gelernten Gartenbauer bieten: einen Studienplatz an der Sektion Meliorationswesen und Pflanzenproduktion.

Im Herbst 1970 tritt Reinhard Schubert die Reise in die Ostseemetropole an. Er wird Student in der Fachrichtung Meliorationswesen (was im weiteren Sinne landwirtschaftlicher Wasserbau und Standortverbesserung bedeutet), muss allerdings wenig später - weil der Staat neue Prioritäten setzt - zur Fachrichtung Pflanzenproduktion wechseln. 1974 beendet er sein Studium als Diplom-Agraringenieur für Pflanzenproduktion, Spezialisierungsrichtung Agromelioration.

Mit dem Diplom in der Tasche begibt sich Reinhard Schubert zunächst (den DDR-Vorschriften für Jungakademiker folgend) in seinen Heimatbezirk. Er bemüht sich um eine Stelle im Bereich der Landeskultur, jenem Fachgebiet, dem während des Studiums sein spezielles Interesse gegolten hat. Doch in Magdeburg hat man – obwohl in der DDR seit 1970 ein Landeskultur(sprich Umwelt-)gesetz in Kraft ist – keinen Bedarf. Man gibt den Absolventen aus der Vermittlung frei.

Jetzt ist es an Reinhard Schubert, sich selbst eine angemessene Stelle zu suchen. Mit Hilfe seines Rostocker Diplom-Betreuers gelingt es ihm, beim Rat des Kreises Bernau eine Anstellung zu finden. Er wird Referent für sozialistische Landeskultur – eine Aufgabe, die für den jungen Akademiker ein breites Betätigungsfeld eröffnet, zugleich aber auch eine neue große Herausforderung darstellt. Um schrittweise seine Erfahrungsdefizite im technischen Umweltschutz abbauen zu können, erfindet er die Komplexkontrolle – die Überwachung der betrieblichen Umweltvorschriften durch ein Team ausgewiesener Verwaltungsfachleute und Kreistagsabgeordneter. Sie gibt ihm die Möglichkeit zuzuhören, sich Wissen anzueignen und neue Technologien kennen zu lernen. Und sie hilft ihm, eine Menge Erfahrungen zu sammeln – in der Verwaltungsarbeit, im Umgang mit anderen Ressorts und in der Zusammenarbeit mit Abgeordneten der Kreis- und der örtlichen Ebene.

Und die Bernauer Erfahrungen zahlen sich aus. Im vierten Jahr seiner Amtszeit gelingt Reinhard Schubert der Sprung nach Berlin. Der für den Bereich Umweltschutz und Wasserwirtschaft zuständige Abteilungsleiter im Nachbarbezirk Pankow bietet dem inzwischen im postgradualen Studium zum Fachingenieur für Umweltschutz Avancierten eine Stelle als Leitender Mitarbeiter an. Eine verlockende Offerte, die nicht nur angesichts des größeren Ressorts den Entschluss Reinhards Schuberts, nach Berlin zu wechseln, beflügelt.

Für den Bezirk ist der Neuzugang ein Gewinn. Was sich bislang im Kreis Bernau so erfolgreich bewährte, das System der Komplexkontrolle, der aktiven Betriebsüberwachung, wird jetzt auch in Pankow praktiziert. Nicht nur in Betrieben, sondern auch in der Natur. Zweimal im Jahr finden umfassende Gewässerschauen statt, werden die Gewässer des Stadtbezirks und ihr Umfeld überprüft. Frischen Wind in die lokale Umweltpolitik bringt Reinhard Schubert darüber hinaus mit dem von ihm initiierten 1. Pankower Landschaftstag, ein für die Hauptstadt der DDR bislang einmaliges Ereignis, mit dem Pankow zugleich seine Vorreiterrolle im Ost-Berliner Umweltschutz unterstreicht. Erstmals werden auf diesem, im Herbst 1987 veranstalteten offiziellen Forum Umweltfragen öffentlich, d. h. unter Einbeziehung auch ehrenamtlicher Naturschutzhelfer, diskutiert – ein Umstand, der angesichts des Misstrauens, das staatliche Organe der DDR- Umweltbewegung entgegenbringen, besondere Hervorhebung verdient.

Eine Bewährungszeit spezieller Art sind für Reinhard Schubert die Jahre nach der politischen Wende. Im April 1990 wird er mit der Leitung des neu geschaffenen Pankower Amtes für Umwelt und Naturschutz beauftragt, in dem (abgesehen vom Immissionsschutz, der erst später eingegliedert wird) zum ersten Mal alle ökologisch relevanten Bereiche vereinigt sind. Dank der erweiterten Kompetenzen und Möglichkeiten - eine Folge des gewachsenen Stellenwerts ökologischer Fragen - kann die neue Umweltbehörde jetzt Projekte in Angriff nehmen, an deren Realisierung zu DDR-Zeiten niemand auch nur denken mochte: Projekte wie die Sanierung der Bucher Rieselfelder und die Entwicklung des von der Bauschuttdeponie dominierten Landschaftsraumes Arkenberge. Auch der Pankower Landschaftstag, 1987 als Experiment gestartet, wird neubelebt und zu einer Einrichtung ausgebaut, in der bis zum Jahr 2000 in unregelmäßigen Abständen bezirksspezifische Fragen unterschiedlicher Thematik erörtert werden.

Dass vieles, was in den 90er Jahren mit Umweltargumenten initiiert und an umweltpolitischen Aufgaben in Angriff genommen wurde, inzwischen nur noch eine nachgeordnete Rolle spielt, ist für einen Menschen wie Reinhard Schubert, der sich dem Schutz von Umwelt und Natur verschrieben hat, eine mehr als bittere Erkenntnis. Sicher, so sagt er, hat so manches Problem, wie die Luftverschmutzung und die Abfallbeseitigung, in der Nachwendezeit an Bedeutung verloren. Andere Fragen allerdings, deren Lösung nach wie vor dringlich wäre, würden ganz bewusst aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt, würden mehr und mehr durch soziale Probleme überlagert.

Dennoch, einen Grund zur Resignation sieht der heute 54-Jährige darin nicht. Auch wenn sein Zuständigkeitsbereich im Zuge der Bezirksfusionen und der damit verbundenen Strukturveränderungen enger geworden ist und sich derzeit auf den Bodenschutz beschränkt – wichtig ist und bleibt für ihn, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste für die Umwelt, für den Schutz der Natur herauszuholen. Nicht nur für den Bezirk Pankow, den bevölkerungsstärksten Berlins, sondern auch für die Stadt. Deren grüne Lebensräume zu erhalten zählt zu den wichtigsten Aufgaben der ehrenamtlichen Arbeit, die er seit 1996 als Vorstandsmitglied bzw. stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung Naturschutz leistet. Dass er dafür viele Stunden seiner Freizeit opfert und sogar im Urlaub seine Umwelt mit den Augen eines Umweltschützers sieht, ist für ihn nicht ungewöhnlich. „Umweltschutz“, so sagt er, „ist für mich nicht nur ein Job. Er ist eine Sache der Vernunft und des Herzens. Oder, wenn man so will, auch ein Hobby, das zusätzlich zum Beruf geworden ist.“

Autor: Horst Walligora, August 2005