
Marian Josef Przybilla

Marian Josef Przybilla
Mitglied des Stiftungsrates von 1991–2008
1958 kommt er mit seiner Familie nach Berlin. Er ist sechs Jahre alt und muss alles Vertraute in seiner damaligen Heimat Oberschlesien zurücklassen. In Berlin erwartet Marian Przybilla eine ganz andere, neue Welt: eine vom Krieg noch immer gezeichnete Großstadt.
Die Familie zieht nach Kreuzberg. Marian und seine vier Geschwister verbringen einen Großteil ihrer Freizeit in den noch vorhandenen Ruinen. Manchmal spielen sie mit anderen Kindern „Räuber und Polizei“. Viel lieber aber legt Marian kleine Gärten mit Leinkraut und anderen Wildpflanzen auf Ruinengrundstücken an. Auf dem Weg zur Schule, an der Umsteigestation Potsdamer Brücke, gestaltet er Hindernisse für Feuerwanzen, die es hier zahlreich gibt.
Schon früh packt ihn eine zweite Leidenschaft: Berlins Busse und Bahnen faszinieren ihn. Begeistert fährt er allein mit der Straßenbahn in den Kindergarten und später mit Bus und Bahn in die Schule. Für das Abitur am Canisius-Kolleg schreibt er eine Arbeit über die Chancen, die der öffentliche Nahverkehr in Berlin hat. Kein Wunder, dass die Bahn ihm ein Stipendium finanzieren will für ein Studium zum Bauingenieur für Eisenbahnwesen. Der frisch gebackene Abiturient ist bei der Wahl seines Studienfaches nun hin- und hergerissen. Soll er Biologie studieren oder Ingenieur werden? Letztlich entscheidet er sich für seine erste große Liebe – die Natur. Przybilla studiert Biologie und Latein auf Lehramt. Beigetragen zu diesem Entschluss hat sein Engagement in der Jugendarbeit der katholischen Kirche. Er ist es nicht nur gewöhnt, Jüngere anzuleiten, es macht ihm auch Spaß, ihre Erfolge zu sehen, sie anzuspornen. Ihm ist schnell klar, dass auch Umwelt- und Naturschutz nur dann eine Zukunft haben, wenn die nachwachsenden Generationen dafür sensibilisiert werden.
Seiner Verbundenheit zur Bahn tut die Studienwahl zunächst keinen Abbruch. Einen Führerschein, so beschließt er, braucht er nicht. Die „Öffentlichen“ bringen ihn schließlich überall hin. Aber Bahn und BVG unterliegen mehr und mehr dem Spardruck, die Taktzeiten verlängern sich, Verspätungen sind an der Tagesordnung. Przybilla ist 31 Jahre alt, als er eines Tages, nachdem wieder einmal die Busse nicht pünktlich fuhren, schnurstracks in eine Fahrschule marschiert und sich anmeldet. Was er sich lange nicht vorstellen konnte, passiert: Er wird Autofahrer. „Das Auto ist ein Gebrauchsgegenstand“, sagt er beinahe entschuldigend, „ich fahre nur dann, wenn es wirklich Sinn macht.“
Nach Abschluss seines Studiums wird er Lehrer für Biologie und Latein in der Katholischen St. Franziskus Schule in Schöneberg, wo er bis heute unterrichtet. Jugendlichen die Natur nahe zu bringen, in ihnen einen Funken für den Umweltschutz zu entzünden, das beflügelt ihn. Er wird Mitglied in der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Anfang der 80er Jahre - die Diskussion über das Waldsterben wird heftiger - ist es die Tochter eines Försters, die ihn zur ehrenamtlichen Mitarbeit aktivieren kann. Er beginnt Jugendwaldeinsätze zu organisieren. Ganze Schulklassen kommen zu ihm in den Wald, lernen nicht nur mit Axt und Säge umzugehen, sondern auch den Wald als Lebensraum kennen. „Sie sollen den Wald mit allen Sinnen erfassen“, erklärt Przybilla, „nicht nur einfach so durchlaufen.“ Die Arbeit im Wald lässt ihn nicht mehr los. Unzählige Schulklassen werden von ihm betreut. Die Deutsche Waldjugend, den Jugendverband der Schutzgemeinschaft, macht er in Berlin zu einer bekannten Adresse, die aus der Jugendumweltbildung nicht mehr wegzudenken ist.
1990 wird ein besonders bewegendes Jahr für ihn. Er lernt Naturschützer auch aus dem ehemaligen Ostteil und aus Brandenburg kennen. Es entstehen nicht nur Freundschaften, sondern auch viele Projekte, die alle eines gemeinsam haben: Im Mittelpunkt stehen Kinder und Jugendliche. Die Aktivitäten bedeuten einen wichtigen Schub für die Waldpädagogik in Berlin. In dieser Zeit ist Marian Przybilla viel im ehemaligen Grenzgebiet unterwegs, dem so genannten Todesstreifen. Genau hier, auf dem früher abgeriegelten Gelände will er etwas Positives schaffen für Mensch und Natur. Ein Grenzturm soll zur Umweltbildungsstätte werden. Kein leichtes Unterfangen. Nicht nur, dass so ein Grenzturm in seiner Grundfläche gerade einmal 4 x 4 Meter misst. Es kostet auch einige Überzeugungskraft, den Turm für die Umweltarbeit zu sichern. Dennoch gelingt ihm die Realisierung gemeinsam mit einer Lehrerin aus Oranienburg. Der ehemalige Turm, an der Grenze zu Frohnau gelegen, ist nun die Basisstation für Schülergruppen, die Waldarbeit leisten möchten. Wenn man Marian Przybilla fragt, wie viele Kinder und Jugendliche er schon betreute, zuckt er mit den Schultern. „Viele.“ Leidet die eigene Motivation nach so vielen Jahren? „Nein“, sagt er bestimmt und seine Augen strahlen, „es ist toll, wenn die Jugendlichen, die in ihren ersten Stunden im Wald hysterisch ¸Iiih – eine Spinne’ schreien, bald darauf rufen: ¸oh - eine Spinne’.“
1998 erhält er für sein Engagement für den Naturschutz sowie seine ehrenamtlichen Tätigkeiten beim Jugendamt Tempelhof und der Caritas das Bundesverdienstkreuz. Eine für den 46-jährigen überraschende Ehrung, über die er sich ehrlich freut. Längst ist er stellvertretender Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in Berlin und seit 1991 Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Naturschutz. Sein Engagement reicht weit über die umweltpädagogische Arbeit hinaus. Ob es, wie in den 80er Jahren, um den Bau der Bundesfernstraße durch den Tegeler Forst geht oder später um den Plan von Senator Strieder, auf dem Teufelsberg ein Hotel anzusiedeln, – Marian Przybilla kämpft um „seinen“ Wald. Selbst teure Klageverfahren schrecken ihn nicht. Ärgerlich macht ihn das Konkurrenzverhalten der Umwelt- und Naturschutzverbände untereinander. „Mich interessiert nicht, wer was besser macht. Wichtig ist, dass überhaupt etwas geschieht. Es ist ja nicht schädlich für den Wald, wenn sich auch andere für ihn einsetzen.“ Aus diesem Grund arbeitet er auch gern in der Stiftung Naturschutz mit. „Hier sitzen die Verbände, die Verwaltung und die Politik an einem Tisch. Hier geht um die Sache, nicht um Selbstdarstellung.“ Für die Zukunft wünscht er sich mehr landesübergreifende Aktionen, mehr Kooperation mit Brandenburg. „Die Probleme enden ja nicht an der Grenzmarkierung.“
Vor zwei Jahren zog es ihn selbst ins Umland. Er erwarb ein kleines Häuschen mit großem Garten. „Es liegt direkt an der Eisenbahn“, erklärt er, und man merkt ihm an, dass die alte Leidenschaft noch brennt. Über die Frage, ob dies bedeute, dass er nun weniger Jugendwaldeinsätze machen wird, zeigt er sich verwundert. „Solange die Kinder nur mit der Schulklasse in den Wald kommen, mehr mit dem PC kommunizieren als mit ihren Klassenkameraden und sich mehr und mehr in Parallelwelten verabschieden, gibt es keinen Grund aufzuhören. Nur viele Gründe weiterzumachen."
Autorin: Heidrun Grüttner, September 2006
