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Dr. Norbert Meisner, Senator a. D

Vorsitzender des Stiftungsrates von 1996-2007

Etwas verwundert waren die Berliner schon, als sie ihrem neuen Finanzsenator morgens in der U-Bahn begegneten. Und der eine oder andere politisch weniger Interessierte wird sich die Augen gerieben und gefragt haben, woher er den freundlichen, distinguierten Herrn kennt, der ihm gegenüber sitzt. Für Norbert Meisner war die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs kein Werbegag, sondern einfach Überzeugung. Er war umweltpolitischer Sprecher seiner Fraktion und wäre 1989, als die erste rot-grüne Landesregierung in Berlin gebildet wurde, am liebsten Umweltsenator geworden. So wie im Schattenkabinett von Walter Momper vorgesehen. Daraus wurde nichts, denn der Koalitionspartner waren die GRÜNEN, die damals noch Alternative Liste hießen und dieses Amt für sich einforderte. So wird er Finanzsenator und arbeitet sich in einen für ihn neuen Politikbereich ein. „Die ersten sechs Monate waren schwierig“, gesteht er nachdenklich.

Norbert Meisner ist ein genauer Mensch, einer, dem die eigenen Überzeugungen etwas wert sind. Das beweist er schon in seiner Schulzeit, als Schüler des „Grauen Klosters“, einer Schule mit demokratischer Tradition, die nach dem Krieg einen Neuanfang startet und schnell an den pädagogischen und politischen Vorstellungen der DDR-Führung scheitert. Unangepasste Lehrer werden entlassen und gehen in den Westen. Norbert Meisner kann nicht so recht glauben, dass dieser Trend unaufhaltsam sein soll. Er sammelt Unterschriften und fordert eine Schülervollversammlung. Es soll seine letzte Aktivität an dieser Schule sein. Er fliegt von der Schule. Für seine Familie der letzte Anlass dafür, die Zukunft nicht in Ost-Berlin zu sehen.

Die Mutter, die Oma und der Dackel - das sind die, die ihm nach dem Krieg geblieben sind. Der Vater fiel 1944 an der Westfront. Die wenigen Möbel, die den Bombenangriff auf die elterliche Wohnung überlebten, sind lange Zeit das einzige Inventar der Familie.
Diese Zeit prägt ihn für das ganze Leben.
„Wer in dieser Zeit Kind war und keine Macke zurückbehalten hat, kann nicht normal sein“, sagt er und versucht ein Lächeln, das ihm jedoch nicht recht gelingt. Die Augen lachen nicht mit. Er wechselt das Thema.
„Als ich aus der DDR in den Westen kam, sah ich es als meine Pflicht an, mich in die Politik einzumischen. Demokratie muss auch gelebt werden“, betont er. Das sieht er bis heute so. 1963, im Alter von 19 Jahren, tritt er in die SPD ein. Die Politik Willy Brandts ist es, die den jungen Mann fasziniert, die er unterstützen will. Er sieht - wie Brandt - noch eine Chance auf einen gemeinsamen Weg für Gesamtdeutschland. In Berlin sind es Menschen wie Harry Ristock, die diesen politischen Kurs verkörpern. In seinem Heimatbezirk Zehlendorf werden seine politischen Vorstellungen in der Partei nicht mitgetragen. Die Atombewaffnung und die Nutzung der Kernenergie werden nicht in Frage gestellt. Der Umweltschutz wird noch nicht als wichtiges gesellschaftliches Ziel gesehen, sein Widerstand gegen das geplante Kraftwerk am Oberjägerweg nicht verstanden. Ungeduldige Genossen, denen der innerparteiliche Wandel nicht schnell genug geht, verlassen die Partei. Norbert Meisner bleibt. Er glaubt fest daran, dass seine Positionen mehrheitsfähig werden. Diese Hoffnung trügt nicht. Die Partei bewegt sich in diesen Fragen. 1976 wird er Kreisvorsitzender in Zehlendorf, 1980 Mitglied des Geschäftsführenden Landesvorstandes und 1982 stellvertretender Landesvorsitzender der SPD. Nebenbei schließt er sein Theologiestudium ab, promoviert. Hat es ihn nie gereizt, seinem Studium auch eine Karriere in der Kirche folgen zu lassen? Er winkt lächelnd ab. „Ich konnte nicht singen. Das hat mich als Gemeindepfarrer disqualifiziert.“

Stattdessen arbeitet er von 1981 bis 1989 als Studienleiter beim Jugendsozialwerk und ist ab 1985 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. 1989 ändert sich mit der Maueröffnung, dem Wahlsieg und dem Beginn der rot-grünen Koalition für ihn vieles, die politische Karriere erhält zusätzlichen Auftrieb. Seine Ambitionen als Umweltpolitiker müssen jedoch hinter den Aufgaben eines Finanzsenators zurückstehen. Es bleiben ihm nur kleine Möglichkeiten, umweltpolitisch Einfluss zu nehmen. So unterstützt er massiv die Einführung einer BVG-Umweltkarte. Mit der preisgünstigen, übertragbaren Karte gelingt es, neue Bevölkerungskreise für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs zu gewinnen.

Nach dem Bruch der rot-grünen Koalition und den sich anschließenden Neuwahlen wird er Senator für Wirtschaft und Technologie. Wieder ein Amt, in dem Umwelt- und Naturschutz nicht die Hauptrolle spielen. Aber auch hier findet er Gelegenheit, um diese ihm wichtigen Themen voranzubringen. Er fördert die Umwelttechnologiemesse UTECH, macht deutlich, welche Chance auch aus wirtschaftspolitischer Sicht im Umweltschutz und regenerativen Energien stecken. Die Entwicklung der Solar- und Windenergiebranche gibt ihm nachträglich Recht.

Als Norbert Meisner 1995 gebeten wird, seine Partei ehrenamtlich im Stiftungsrat der Stiftung Naturschutz Berlin zu vertreten, sagt er gern zu. Er möchte Projekte mit anschieben, den Umweltschutz in Berlin stärken. Aber er muss feststellen, dass die Stiftung sich in einer tiefen finanziellen Krise befindet. Was jetzt gebraucht wird, sind nicht Projektideen, um Gelder auszugeben, sondern Sanierungs- und Sparkonzepte. Er nimmt die Aufgabe dennoch an, bringt seine Kompetenzen und Erfahrungen als Finanzpolitiker ein. Gemeinsam mit dem Vorstand und der neuen Geschäftsführung schafft er es, die Stiftung zu sanieren und auf einen neuen Kurs zu bringen. Als Privatmann ist er Mittelstreckenläufer. Politisch liebt er die Langstrecke – eine Eigenschaft, die der Stiftung seitdem sehr zugute kam.

Amtszeit als Vorsitzender des Stiftungsrates. Was wünscht er sich für die Stiftung Naturschutz, jetzt, wo sie finanziell wieder auf soliden Beinen steht?
„Es wird Zeit, die Einrichtung unabhängig von Senatszuwendungen zu machen“, antwortet er bestimmt, „das Abgeordnetenhaus hat diese Stiftung ins Leben gerufen, um unbürokratisch Dinge voranzubringen. Als Zuwendungsempfängerin des Landes ist sie zu vielen bürokratischen Hürden unterworfen. Ich wünsche mir, dass der Stifter seine Naturschutzstiftung finanziell so ausstattet, dass sie weniger wertvolle Energien in nutzlose Verwaltungsarbeit stecken muss.“
Was empfiehlt der scheidende Ratsvorsitzende seinem Nachfolger?
„Einen langen Atem, gute Kondition und Spaß daran, auch schwierige Wege zu gehen.“

Autorin: Heidrun Grüttner, Juli 2006