AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS


Kolumne im September:

Kein Leben ohne Chemie

Haben Sie schon einmal die kleingedruckte Inhaltsangabe auf Ihrer Zahnpastatube gelesen? Schlauer sind Sie dabei wohl kaum geworden. Wer weiß schon, wie all diese Stoffe auf uns und die Umwelt wirken? Schwedische Forscher haben kürzlich gewarnt, das in den meisten Zahnpasten enthaltene Triclosan schädige Fische und andere Wassertiere. In unserer Kleidung, besonders in den “natürlichen” Baumwoll- und Seidenstoffen, stecken unzählige Ausrüstungschemikalien. Kosmetika, Spielzeug, Wasch- und Putzmittel, Möbel, Fernseher und Computer setzen im Gebrauch Chemikalien frei, und selbst die industriell hergestellten Lebensmittel kommen nicht ohne chemische Zusätze aus. Chemiefreie Lebensbereiche gibt es nicht. Unbestreitbar erleichtern uns viele Stoffe aus der Retorte das tägliche Leben. Aber mit der unüberschaubaren und unkontrollierten Vielfalt von Substanzen, die in der Natur nicht vorkommen, riskieren wir manchmal auch Kopf und Kragen.

Rund 100 000 Chemikalien waren Ende der neunziger Jahre bei der EU registriert. Die meisten sind niemals auf ihre Umweltauswirkungen untersucht worden. Auch Erfahrungen wie die mit dem PCP in Holzschutzmitteln, dessen Gefährlichkeit sich erst herausstellte, als viele Häuser unbewohnbar und viele Menschen krank geworden waren, haben daran nichts geändert. Verbote folgen immer erst nach einem Desaster.


Ein Jahrhundertgesetz?

Das möchte die EU-Kommission jetzt ändern. Nach langer Vorbereitung will sie noch in diesem Herbst den Entwurf für eine einheitliche europäische Chemikalienverordnung vorlegen. Begonnen hatte das Verfahren im Februar 2001 mit einer “Strategie für eine künftige Chemikalienpolitik”. Darin wurde ein neues Regulierungssystem “REACH” (Registerierung, Evaluation und Autorisierung von CHemikalien) vorgeschlagen. Die Hersteller sollten verpflichtet werden, für ihre Produkte Sicherheitsdaten vorzulegen. Experten der Mitgliedsstaaten und eine zentrale Koordinierungsbehörde sollten die Daten bewerten. “Besorgniserregende” Chemikalien müssten danach ein Zulassungsverfahren durchlaufen. In schweren Fällen könnten sie unter bestimmten Bedingungen aus dem Verkehr gezogen oder in ihrer Nutzung eingeschränkt werden.

Manche Chemikalien sind “nur” giftig, andere aus mehreren Gründen bedenklich. Als “sehr besorgniserregend” gelten für die EU-Kommission Stoffe, die Krebs erzeugen, das Erbgut verändern oder hormonell wirken, außerdem Substanzen, die sich besonders weit verbreiten, schwer abbaubar (persistent) sind und sich im Körpergewebe von Mensch und Tier anreichern (bioakkumulierbar). Einige Stoffe haben gleich mehrere dieser Eigenschaften. Besonders bedrohlich, auch für künftige Generationen, sind die Substanzen, die auf das Hormonsystem einwirken und die Entwicklung und Fortpflanzungsfähigkeit bei Mensch und Tier stören. Dazu gehören die bromierten Flammschutzmittel und die allgegenwärtigen Phtalate als Weichmacher im PVC, in Spielzeug, Lebensmittelverpackungen und vielen Kosmetika.

Schon Neugeborene haben allerlei Gifte gepeichert, die von der Mutter auf sie übergegangen sind. Nicht nur in den Industriestaaten, sondern bis in die Arktis haben sich Stoffe wie PCBs und DDT verbreitet. Obwohl seit langem verboten, werden sie dort immer noch nachgewiesen, zum Beispiel im Fettgewebe von Eisbären.


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Globales Experiment

Ab Mai dieses Jahres konnten sich alle interessierten Gruppen an einer Internetkonsultation beteiligen. Jetzt überarbeitet zunächst die Kommission ihren Entwurf. Danach beginnt ein kompliziertes und langwieriges Gesetzgebungsverfahren, an dem der Ministerrat und das EU-Parlament beteiligt sind. Ende 2005 soll die Verordnung in Kraft treten, und alle EU-Staaten müssen es in das nationale Recht übertragen. Die Frage ist, was dann von den ursprünglichen Absichten übrig geblieben ist. Schon jetzt polemisiert der Verband der chemischen Industrie in großen Anzeigen unter der Überschrift “Können wir uns noch weniger Wachstum leisten” gegen den Entwurf und droht wie üblich: “Wenn diese Vorschläge umgesetzt würden, könnten viele Chemikalien aus Zeit- und Kostengründen nicht mehr in Europa produziert und verarbeitet werden...”

Die Umweltverbände BUND, Deutscher Naturschutzring und WWF sehen überraschender Weise in der EU-Chemikalienpolitik “eine riesige Chance...zu einer progressiveren, vorsorglich orientierten und wissenschaftsbasierten Chemikalienpolitik”. Zugleich kritisieren sie jedoch in einer gemeinsamen Stellungsnahme* die vielen Schwachpunkte des Entwurfs. Bleibt es bei den Vorschlägen, dann wird es weiter sehr schwierig sein, auch nur die gefährlichsten Stoffe aus dem Verkehr zu ziehen. Die Verbände fordern außerdem eine Kontrolle importierter Chemikalien und ein Recht der Öffentlichkeit auf Information. “Jeder von uns spielt eine ungeschriebene Rolle in einem globalen chemischen Experiment, da Hunderte synthetischer Chemikalien eine weit verbreitete Belastung von Menschen und Tieren...verursachen”, heißt es in dem Papier. “Das könnte sich ändern, wenn eine rigorose Chemikalienpolitik in Europa verabschiedet würde.” Ja, wenn...

Die Frage bleibt, ob die EU die Chance wahrnimmt.


Marianne Weno



*) Hintergrundpapier von BUND, DNR und WWF zur Reform der EU-Chemikalienpolitik
Überblick zur EU-Chemikalienpolitik und zum Reformprozess
Chemie und Gesundheit
Chemie und Naturschutz



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