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Kolumne im September 2002
Flüsse in der Zwangsjacke
Es gibt staatliche Projekte, die so erkennbar unsinnig sind, dass einem
allein der gesunde Menschenverstand sagt: was da versprochen wird, kann
nicht funktionieren. Deshalb bestellen die Verantwortlichen Gutachten,
die für viel Geld die Vorzüge der Planung beweisen und die
Naturzerstörung durch das Projekt klein rechnen sollen. Gegengutachten,
die zu anderen Ergebnissen kommen, werden möglichst ignoriert.
Indessen läuft die Planung munter weiter, erste Abschnitte werden
realisiert, und je mehr investiert worden ist, umso weniger ist die
Politik bereit, das Ganze zu stoppen. Da hilft dann auch kein Regierungswechsel
mehr, die Gigantomanie ist zum Selbstläufer geworden, Einzelinteressen
werden zuverlässig bedient. Drei Beispiele unter vielen: der Rhein-Main-Donau-Kanal,
den der ehemalige Verkehrsminister Volker Hauff "das dümmste
Bauwerk seit dem Turmbau zu Babel" nannte, der Transrapid Berlin-Hamburg
und die Airbus-Baustelle, für die das einzigartige Süßwasserwatt
Mühlenberger Loch ruiniert wurde.
Stopp oder Flop?
frühere Kolumnen Am Ende gibt es drei Möglichkeiten: Entweder
das Projekt wird realisiert, zerstört Natur und Landschaft und
erweist sich als Flop, über den man besser nicht mehr redet, so
beim Rhein-Main-Donau-Kanal. Oder ein Mensch mit wirtschaftlichem Sachverstand
hat zufällig die Macht, einzugreifen und den Plan vom Tisch zu
fegen, wie beim Transrapid geschehen. Oder ein großes Desaster
bestätigt die Befürchtungen der Kritiker und bringt die Verantwortlichen
- vielleicht - zum Nachdenken.
So könnte es mit dem absurden Vorhaben "Projekt
17 Deutsche Einheit" gehen, dem geplanten Ausbau von Elbe und Havel
zur "Wasserautobahn" für große Schiffe und Schubverbände.
Es war nach der Wende vom damaligen Verkehrsminister Krause in die Welt
gesetzt und seitdem von all seinen Nachfolgern weiter betrieben worden,
obwohl offenkundig ist, dass es sich niemals rechnen kann, dafür
aber die letzten naturnahen Flussabschnitte, die artenreichen Auwälder
und Feuchtgebiete zerstört und, wie man jetzt gesehen hat, ein
Hochwasser zur Sintflut machen kann.
Nachdenken, Umdenken - kein Gedanke?
Angesichts der Todesopfer und der enormen Schäden
verbietet es sich, von einer "guten Seite" der Katastrophe
zu sprechen. Aber zu hoffen ist doch, dass sich jetzt in den Köpfen
etwas bewegt, und sei es nur die einfache Rechnung, dass der wirtschaftliche
Schaden eines Hochwassers von diesem Ausmaß größer
ist als jeder denkbare Nutzen des Projekts. Wer heute, noch bevor das
Wasser abgelaufen ist, erklärt, der Elbeausbau werde fortgeführt
wie geplant, muss sich fragen lassen, wo er seine Maßstäbe
hernimmt. Wenige Tage später klangen die Aussagen aus dem zuständigen
Ministerium dann schon auch etwas anders: alles werde geprüft...
Über den Tisch gezogen
1996 war zwischen dem damaligen Bundesverkehrsminister Wissmann und
den Vorsitzenden der Umweltverbände NABU, BUND und WWF eine "Elbeerklärung"
vereinbart worden, die man allerdings unter den Ausbaugegnern an der
Basis der Verbände mit größter Skepsis betrachtete.
Danach sollte der Elbe-Seitenkanal "ertüchtigt" werden,
um die Untere Elbe mittelfristig von den großen Schiffen zu entlasten.
Die Elbe selbst würde nicht mehr ausgebaut werden, dort sollten
nur noch "Instandhaltungsmaßnahmen" stattfinden. Inzwischen
ist doch wieder die Rede vom "Ausbau", der die Schifffahrt
auf der Elbe sicherstellen soll. Das heißt, es werden weiter die
Ufer befestigt und die Buhnen erneuert und verlegt, alles mit dem Ziel,
die Fahrrinne zu vertiefen. Das führt dazu, dass das Wasser schneller
abfließt und bei Niedrigwasser die Auwälder und Feuchtgebiete
austrocknen, während bei Hochwasser die Überschwemmungsgefahr
in den Ortschaften am Fluss zunimmt.
Normalfall Jahrhundertflut?
1992 waren vier Milliarden für das Projekt 17 veranschlagt, inzwischen
dürften es einige mehr geworden sein. Würde man sie heute
für die Renaturierung der Flüsse, für Entsiegelung und
Überflutungsflächen verwenden, dann würden Steuergelder
einmal für einen natur- und menschenfreundlichen Zweck statt für
ein sinnloses Prestigeprojekt genutzt. Obendrein könnten die Wasserbaubehörden
hier ein nützliches Tätigkeitsfeld finden, statt wie bisher
um das Projekt 17 zu kämpfen, weil sie an den letzten, noch nicht
ganz kanalisierten und regulierten Flüssen ihre Existenzberechtigung
nachweisen möchten. Im Februar 1995, nach dem großen Rhein-Hochwasser,
schrieb Wolfgang Blum in der Zeit: "Sterbende Wälder, eingedeichte
Flüsse, versiegelte Böden - wenn der Mensch nicht aufhört,
seine Umwelt zu vergewaltigen, werden Jahrhunderthochwasser zum Normalfall...
Wasserbauer und Meteorologen denken seit Jahren bereits an ein Schreckensszenario,
neben dem die derzeitige Überschwemmung wie eine Pfütze wirkt..."
2002 ist daraus Realität geworden.
Mehr zum Thema:
• Petschow, U. und Meyerhoff,
J.:
Ökonomisch-ökologische Bewertung des Projektes 17 Deutsche
Einheit – Der Ausbau der Havel zur
Großschifffahrtsstraße. - Schriftenreihe des IÖW 63.
Institut für ökologische Wirtschaftsforschung
Berlin, 1993
• Sachverständigenrat für Umweltfragen
(Hrsg.):
Umweltgutachten 1998.
Verlag Metzler-Poeschel
Stuttgart, 1998
• Umweltbundesamt (Hrsg.):
Nachhaltiges Deutschland - Wege zu einer
dauerhaft umweltgerechten Entwicklung.
Erich Schmidt Verlag
Berlin, 1998
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