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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Marianne Weno, Vorstandsmitglied der Stiftung Naturschutz Berlin, greift monatlich aktuelle Entwicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.


Kolumne im Oktober:

Rauchzeichen

„Die EU-Umweltminister: Rauchen zerstört Wälder und Ackerland.“ Neben den gut gemeinten Gruselsprüchen der Gesundheitsminister könnte auch dieser Satz auf den Zigarettenpackungen stehen. Aber vermutlich wäre er ebenso wirkungslos.

Gemessen an der Weltproduktion spielt der Tabakanbau in Europa nur eine geringe Rolle. Die Pflanze ist anspruchsvoll und anfällig für Krankheiten und Schädlinge und braucht daher viel Dünger und Pestizide. Der Anbau bei uns lohnt sich nur durch die EU-Subventionen und die Abnahmegarantie durch die Weiterverarbeiter. Vier bis sechs Euro zahlen sie für das Kilo, und von der EU kommen Zuschüsse in der gleichen Größenordnung. Damit könnte aber bald Schluss sein. In Brüssel plant man eine neue Tabakmarktordnung. Danach soll ab 2006 nur noch die Hälfte der Subventionen direkt an die Landwirte gezahlt werden. Die andere Hälfte könnte bis 2009 in einen Strukturfonds fließen, der den Tabakbauern das Umsteigen auf andere Anbauprodukte erleichtern soll. Ab 2010 soll es gar kein Geld mehr geben. Das könnte das Ende des europäischen Tabakanbaus bedeuten. Landwirtschaftsministerin Renate Künast begründet das so: es bestehe ein Widerspruch zwischen der Förderung des Anbaus und dem Kampf gegen das Rauchen. Ein wenig überzeugendes Argument, denn kaum jemand wird mit dem Rauchen aufhören, weil der Tabak – wie schon heute zum größten Teil – aus der Dritten Welt kommt. Und gerade dort entstehen die größten Umweltprobleme.

Blauer Dunst fŸr die €rmsten

Tabak wird fast überall auf der Welt angebaut. Ganz vorn liegt China, wo auch ein Drittel der Weltproduktion verraucht wird. Wichtige Anbauländer sind Brasilien, Indien, die Türkei und verschiedene afrikanische und asiatische Länder. Die mächtigen multinationalen Tabakkonzerne, die den Weltmarkt beherrschen, versuchen mit allen Mitteln, neue Anbaugebiete und zugleich neue Absatzmärkte zu erschließen. Während der Umsatz in den Industrieländern dank der massiven Anti-Raucher-Kampagnen sinkt, wächst in den Entwicklungsländern die Zahl der Raucher. Auf den Philippinen machten schon in den neunziger Jahren Tabaksteuern die Hälfte der Staatseinnahmen aus. Zugleich nehmen die Gesundheitsprobleme zu. Menschen, denen es am Nötigsten zum Leben fehlt, werden zum Rauchen animiert, immer mehr sterben an den Folgen.

Tabak schafft Wüsten

Um den Anbau auszuweiten, werden meist Kleinbauern überredet, sich auf Tabakanbau umzustellen. Was das für Folgen hat, ahnen sie nicht. Die Konzerne verkaufen den Bauern Saatgut, Dünger und Pestizide im Paket, diktieren die niedrigen Preise und bringen so die Menschen in eine totale Abhängigkeit. Die Weltbank unterstützt diese Form der „Entwicklungshilfe“, die dem alten kolonialen Schema folgt: Billige Rohstoffe aus der Dritten Welt für riesige Gewinne in den Industrieländern.

Die Tabakpflanze entzieht dem Boden mehr Nährstoffe als alle anderen Nutzpflanzen. Wenn nicht ständig gedüngt wird, ist er nach zwei Jahren für jeglichen Anbau unbrauchbar. Auch werden bis zu 16mal im Jahr Pestizide gespritzt, darunter einige, die bei uns längst verboten sind, wie Aldrin, Lindan und DDT. Tabakanbau ist Handarbeit, und so sind die Feldarbeiter, darunter viele Frauen und Kinder, schweren Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Nach zwei Jahren müssen die Bauern ihre ausgelaugten und vergifteten Äcker aufgeben. Dann roden sie Wald, um neue Anbauflächen zu gewinnen.

Bäume rauchen

Das Schlimmste ist jedoch, dass der Tabak nach der Ernte getrocknet werden muss. Bei uns geschieht das mit Öl- oder Gasfeuerung. In den tropischen Ländern hängt man die Blätter an Leinen auf, unter denen eine Woche lang die Holzfeuer brennen. Weltweit werden pro Jahr für die Zigarettenproduktion 82,5 Millionen Kubikmeter Holz verbrannt, fünfzig Mal so viele wie Deutschland an Tropenholz importiert. 1,2 Millionen Hektar Wald, so viel wie die Fläche Indiens, fallen jährlich diesem Verfahren zum Opfer. Riesige Landstriche werden so verwüstet. „In ganz Andhra Pradesh kann man kaum einen Baum sehen, der mehr als eineinhalb Meter hoch ist“, schrieb schon vor Jahren die „Times of India“. Und John Waluye, Journalist aus Tansania, beschreibt in dem Buch „Rauchopfer“* eindringlich die Zerstörungen, die die Tabakkonzerne in seinem Land anrichten. „Es macht mich traurig zu sehen, wie das Land voller Wälder sich in eine Wüste verwandelt.“ Die Konzerne, vor allem BAT, loben sich selbst, weil sie angeblich wieder aufforsten. Aber wenn überhaupt, dann werden schnellwachsende Eukalyptusbäume gepflanzt, die sehr viel Wasser verdunsten, den Grundwasserspiegel sinken lassen und die ökologische Lage nur noch verschlimmern.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat errechnet, dass für 300 Zigaretten ein Baum verfeuert wird. Ein mäßiger Raucher „verbraucht“ also pro Monat einen Tropenbaum.

Marianne Weno

*Helmut Geist, Peter Heller, John Waluye: RAUCHOPFER. Die tödlichen Strategien der Tabakmultis. Verlag Horlemann.

Natur und Kosmos, Heft 8/2003




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