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Kolumne im November 2002
Wo bleibt die Farbe Grün?
KOALTIONSVERTRAG 2002
Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsflaute, Gesundheitsreform bestimmen die
öffentliche Diskussion. Und die Umwelt - gibt es sie noch?
Nachdem die Farbe Grün in der Koalition kräftiger
wurde, haben wir auf einen größeren Wurf auf diesem Gebiet
gehofft. Was ist daraus geworden?
Eine Koalitionsvereinbarung ist freilich immer ein mühsam
errichtetes Gebäude, herausgeputzt mit schönen Leerformeln,
aus dessen Fenstern überall die Kompromisse herausschauen.
Was tabu ist...
frühere Kolumnen So war nicht damit zu rechnen, dass etwa an Schröders
Autoindustrie und Clements Kohlebergbau gerüttelt würde. Dennoch
ist unter der Überschrift "Ökologische Modernisierung
und Verbraucherschutz" ein recht umfangreiches Kapitel entstanden,
das erfreuliche Ansätze enthält, auch wenn vieles unkonkret
bleibt und das, was man vermisst, wohl noch einmal so viel Platz einnehmen
würde. Aber in den vergangenen vier Jahren haben wir gelernt, dass
für unverwässerte Reformen absolute Mehrheiten nötig
wären.
Im Klimaschutz ist schon einiges geschehen, und die Regierung
spricht zu Recht von einer Vorreiterrolle Deutschlands, auch wenn diese
im Wesentlichen dem Hinterherhinken anderer zu verdanken ist. Geplant
sind weitere Fortschritte bei der Energieeinsparung im Gebäudebereich,
dem Ausbau der Windenergie, der Kraft-Wärme-Koppelung und der Markteinführung
der Brennstoffzelle. Was aber die "Umweltweisen" kürzlich
als unabdingbar genannt haben, wenn das Klimaschutzziel erreicht werden
soll, das wird nicht einmal mit spitzen Fingern angefasst: der Ausstieg
aus der Kohleverstromung und die Verringerung des Autoverkehrs.
Schwachpunkt Verkehr
Überhaupt, der Verkehr: Zwar heißt es so schön: Das
Verkehrssystem wollen wir insgesamt umweltfreundlicher gestalten und
damit auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Wie das geschehen
soll, bleibt jedoch offen. Lediglich der LKW-Verkehr soll durch die
Autobahn-Maut etwas reduziert werden. Und die zunehmenden Staus will
man durch Leitsysteme bewältigen. Wenn es gelingen sollte, wie
geplant, den Güterverkehr auf der Schiene bis 2015 zu verdoppeln,
dann ließen sich damit immerhin die weiter zunehmenden Transporte
nach der EU-Erweiterung etwas kanalisieren.
Hoffnung für die Flüsse
Erfreulich die Lehren, die man aus der großen Flut gezogen hat.
Die Elbe soll nun nicht mehr ausgebaut werden, in der Donau zwischen
Straubing und Vilshofen und in der Saale soll es keine neuen Staustufen
mehr geben, und zum ersten Mal übernimmt die Politik die Forderung
der Naturschützer, die Befahrbarkeit der Flüsse ... durch
die Entwicklung flussangepasster Binnenschiffe zu verbessern. Zwar ist
das berüchtigte Projekt 17 noch nicht endgültig gestorben,
aber Die Funktionsfähigkeit der Wasserstraßen wollen wir
ökologisch behutsam sicherstellen - was immer das heißen
mag.
Kein Wort zu Obrigheim
Zum Atomausstieg heißt es: Die Vereinbarung wird nach Geist und
Inhalt konsequent umgesetzt. Das klingt schon fast nach Ironie. Das
peinliche Thema Obrigheim wird gar nicht erst erwähnt, und man
fragt sich, ob noch mehr geheime Absprachen ans Tageslicht kommen werden.
Demnächst soll das Sachverständigengutachten zur Terrorgefährdung
der AKWs veröffentlicht werden. Auf die Konsequenzen dürfen
wir gespannt sein.
Landwirtschaft im Wandel
Das längste und in der Substanz ergiebigste Kapitel handelt von
Verbraucherschutz, Ernährung und Agrarpolitik. Es trägt deutlich
die Handschrift von Renate Künast und ist offensichtlich am wenigsten
durch die Mühle zwischen Regierung und Interessengruppen gedreht
worden. Wird das Konzept auch nur zum großen Teil umgesetzt, dann
könnte es die Rechte der Verbraucher, den Boden-, Gewässer-
und Tierschutz und den beschädigten Ruf der deutschen Landwirtschaft
erheblich verbessern. Ob es allerdings gelingt, die Positionen in der
Gentechnik und anderen Bereichen gegenüber der EU zu behaupten,
bleibt offen.
Das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung bestimmt
unser Regierungshandeln. Mit diesem Satz hat das Umwelt-Kapitel begonnen.
Der viel gebrauchte Begriff "Nachhaltigkeit" ist zunächst
nur Wortgeklingel, das uns vorgaukelt, wir könnten mit den Mitteln
der Wachstumspolitik jene Probleme zu lösen, die eben diese Politik
hervorbringt. Aus diesem Widerspruch findet auch die Koalition nicht
heraus. Ihr Konzept hat Licht- und Schattenseiten. Nach allzu langem
Stillstand zeigt es immerhin die Bereitschaft, in vielen Fragen neu
nachzudenken. Ein Fortschritt, auch wenn Umweltschützer noch lange
nicht zufrieden sind.
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