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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Kolumne im Mai 2003

Von Füchsen und Menschen

Die Frau besteht darauf: sie habe im Wald einen Wolf getroffen. Der Förster müsse ihn sofort abschießen. Sie beschreibt ihn: rötliches Fell, buschiger Schwanz. Der Wolf war ein Fuchs. Der Förster erzählt von einer wahren Hysterie bei Anrufern, die einen Fuchs im Garten haben oder ihm irgendwo begegnet sind. Die Geschichten zeigen: Es gibt Urängste vor “gefährlichen” Tieren, die man aus Märchen, Fabeln und Kinderliedern kennt, und es gibt Konflikte zwischen Stadtbewohnern und Wildtieren, die zum großen Teil auf Unwissenheit beruhen.

Seit Jahren ist bekannt, dass es in der Großstadt mehr Tier- und Pflanzenarten gibt als in der Kulturlandschaft des Umlandes, darunter auch etliche Rote-Liste-Arten. “Öko-Optimisten” nehmen das als Zeichen dafür, dass es um die Natur doch noch recht gut bestellt ist. Sie berufen sich unter anderen auf den angesehenen Biologen Josef H. Reichholf, der schreibt, es gäbe im ehemaligen West-Berlin 120 Brutvogelarten, darunter vom bedrohten Pirol 100-150 Paare und der ebenfalls selten gewordenen Haubenlerche 90-130 Paare. Laut Reichholf beherbergt Berlin auch rund 50 Säugetierarten, 11 Lurcharten und ein Drittel aller Kriechtierarten. Aber Schlagzeilen machen natürlich nur die wenigen Mitbewohner, die lästig werden können, wie Wildschweine, Steinmarder und in letzter Zeit vor allem der Fuchs.


Aus dem Umland vertrieben

Diejenigen, die meinen, diese Vielfalt zeige, dass alles in bester Ordnung sei, erwähnen allerdings nicht die Gründe dafür, dass sich immer mehr Wildtiere in die Stadt zurückziehen. Reichholf beschreibt, wie die Kulturlandschaft in unserem dicht besiedelten Land ist immer lebensfeindlicher und artenärmer geworden ist. Flurbereinigung und Überdüngung sind die Hauptursachen. Nicht nur die Landwirtschaft ist dafür verantwortlich, sondern auch der Autoverkehr. Artenvielfalt bei Pflanzen und in der Folge auch bei Tieren gibt es nur auf mageren Böden. Wenn zum Beispiel die Futterpflanzen für Raupen fehlen, verschwinden die Schmetterlinge. Nur jene Arten, die von stickstoffliebenden Pflanzen wie Brennnesseln leben, können sich halten. Wird die Nahrungskette an einer Stelle unterbrochen, dann gehen auf allen Stufen die Arten zurück. Hinzu kommt, dass sich durch Überdüngung die Landschaft verändert. Pflanzen wachsen früher und höher auf. Das wirkt sich auf Bodentemperatur und Feuchtigkeit aus. Vielen Tieren fehlen Verstecke, Nistplätze und der Zugang zur Nahrung.

Berlin, immer als Paradebeispiel der städtischen Artenvielfalt genannt, hat freilich einen größeren Anteil an Grünflächen, Wald und Wasser als andere Metropolen. Die meisten Vögel brüten in Wäldern und Parks, auf Friedhöfen und Brachflächen. Dort tummeln sich Kaninchen, Füchse und andere Säugetiere. Aber auch die eigentliche, dicht bebaute Innenstadt bietet immer noch Rückzugsmöglichkeiten für allerlei Getier. Die Theorie von der “ökologischen Nische”, die jede Art braucht, um zu existieren, stimmt so offenbar nicht. Die Arten können sich durchaus an neue Lebensräume anpassen. Nicht nur die sogenannten “Kulturfolger” finden sich problemlos in menschlichen Ansiedlungen zurecht. Die meisten Fischadler in Mecklenburg-Vorpommern brüten heute erfolgreich auf Hochspannungsmasten.


Ein reich gedeckter Tisch

Der große Vorteil, den die Stadt den Wildtieren bietet, ist der Überfluss an Nahrung. Mülltonnen, Überreste an Imbissbuden und Märkten, weggeworfene Schulbrote und Komposthaufen in Kleingärten sorgen dafür, dass kein Tier verhungern muß. Und dann gibt es noch die “Tierfreunde”, die Tauben, Enten und manchmal auch Wildschweine füttern. Weil es reichlich Mäuse, Ratten, und Tauben gibt, finden auch Greifvögel, Füchse und Marder alles, was sie zum guten Leben brauchen. Zurück zum Fuchs, vor dem sich viele Menschen fürchten. Die Tollwut ist bei uns durch jahrelange Köderimpfung praktisch ausgerottet, und der Fuchsbandwurm kommt in unseren Breiten kaum vor. Der Fuchs beißt keine Kinder und greift keine Hunde und Katzen an. Er macht sich vielmehr nützlich, indem er dafür sorgt, dass Mäuse, Ratten und Kaninchen nicht überhand nehmen.

Ein Problem besonderer Art sind die Wildschweine, die sich in den Berliner Wäldern sehr stark vermehren. Wird dort die Nahrung knapp, dann wandern sie in das Stadtgebiet, wo sie oft Verkehrsstaus verursachen. Zwar sind sie fast immer friedlich und zutraulich, aber sie machen viel Ärger, wenn sie die liebevoll gepflegten Gärten umgraben. Dagegen hilft nur ein stabiler Zaun.

Die Artenvielfalt in der Stadt hat ihre Licht- und Schattenseiten. Sie zeigt uns, wie sehr die ländlichen Ökosysteme gestört sind, und sie irritiert mitunter die naturentwöhnten Stadtmenschen. Aber nachdem wir die Lebensräume im Umland ruiniert haben, müssen wir Tieren und Pflanzen in unserer Nähe eine Überlebenschance lassen. Die Freude an überraschenden Naturerlebnissen, die man mitten im Häusermeer nicht erwartet hätte, könnte größer sein als gelegentlicher Ärger.

Marianne Weno



Ausflugstipp:
Am 17. Mai veranstaltet die Bezirksgruppe Südwest des BUND zusammen mit dem Forstamt Düppel eine “Nacht der Füchse”. Um 18 Uhr wird in der Waldschule Zehlendorf am Stahnsdorfer Damm ein Film gezeigt, anschließend findet eine Fuchswanderung statt, die besonders für Familien mit Kindern geeignet ist.
Literatur:
Josef H. Reichholf: “Comeback der Biber”, Ökologische Überraschungen, dtv-Taschenbuch

Ratgeber für den Umgang mit Wildtieren:
“Wildtiere in Not”, Grünstift special 22, Stiftung Naturschutz Berlin (Hrsg.)

“Wildtiere im Stadtgebiet”, Broschüre der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 



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