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Kolumne
im Mai 2002
Reiten wir voraus?
Absurdes Theater: einerseits lobt sich die Bundesregierung
für ihr ehrgeiziges Ziel, den Kohlendioxid-Ausstoß bis 2005
um 25% gegenüber 1990 zu verringern, für ihr Klimaschutzprogramm
und das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Andererseits soll Horno nach wie
vor von der Landkarte verschwinden, und die Akte Garzweiler II in NRW
ist immer noch nicht geschlossen. Dabei produziert die Braunkohle von
allen fossilen Brennstoffen am meisten CO2. An zweiter Stelle folgt
die Steinkohle. Wirtschaftsminister Werner Müller, dem die ganze
Klimaschutzpolitik sowieso viel zu weit geht, kämpft in Brüssel
darum, die deutsche Kohle über 2005 hinaus weiter subventionieren
zu dürfen.
Im Februar hatte das Umweltbundesamt (UBA) noch eine Studie
veröffentlicht, in der die Umwelt- und speziell die Klimapolitik
der Bundesregierung sehr positiv dargestellt wurde. Das UBA sah Deutschland
"auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung". Die Energieeffizienz
sei gesteigert, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch seien entkoppelt
worden. Die privaten Haushalte würden rund 11,5 Prozent weniger
CO2 ausstoßen als 1990. "Unsere Bilanz kann sich sehen lassen",
äußerte Bundesumweltminister Trittin.
Nachhaltigkeit - eine Leerformel?
Einmal im Jahr gibt es jedoch Zensuren für die Umweltpolitik, wenn
der Sachverständigenrat für Umweltfragen sein Jahresgutachten
vorstellt. Das ist jetzt geschehen, und mit dem 835 Seiten starken Werk
haben die "Umweltweisen" ziemlich viel Wasser in den Wein
gegossen. Auf den Gebieten Abfallentsorgung, Wasserversorgung, Verkehr,
Fluglärm und Flächenverbrauch sehen sie noch große Defizite.
Positiv bewertet wird das neue Naturschutzgesetz. Ein Schwerpunkt für
Lob und Kritik ist die Klimapolitik.
Das Gutachten steht unter dem Motto: "Für eine
neue Vorreiterolle". Nur ökonomisch starke Länder könnten
die notwendigen umwelttechnischen Innovationen entwickeln, die dann
international vermarktet werden und auch große wirtschaftliche
Vorteile bringen könnten. Auf diesem Gebiet gibt es Fortschritte,
aber sie reichen bei weitem nicht aus. Die "Umweltweisen"
warnen davor, "dass Nachhaltigkeit zu einem Beliebigkeitsbegriff
verkommt." Genau das geschieht durch den inflationären Gebrauch
des Wortes in der politischen Selbstdarstellung.
Die Umweltpolitik der Regierung sei "vorzeigbar",
meint Martin Jänicke, stellvertretender Vorsitzender des Rates,
aber gerade in der Energie- und Klimapolitik müsse viel mehr
geschehen. Der Erfolg sinnvoller Ansätze werde in anderen Bereichen
wieder zunichte gemacht, etwa durch den immer noch zunehmenden Verkehr.
Der Rat empfiehlt, als nationales Ziel eine 40prozentige CO2-Minderung
bis 2040 festzusetzen. Dies sei klimapolitisch notwendig und - im
Gegensatz zu der Auffassung des Bundeswirtschaftministers - auch
ökonomisch vertretbar.
Raus aus dem Bremserhäuschen!
Um solche ehrgeizigen Vorhaben zu realisieren, wäre allerdings
ein Umsteuern nötig,, das die Politik - nicht nur in Wahlkampfzeiten
- scheut wie der Teufel das Weihwasser. Das gilt vor allem für
den zügigen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung und den
Abbau der Subventionen für die deutsche Steinkohle. Ebenso
wenig dürfte die Empfehlung des Rates auf Gegenliebe stoßen,
die Ökosteuer über 2003 hinaus langsam, aber kontinuierlich
steigen zu lassen und die Ausnahmeregelungen abzuschaffen. Wer die
Widerstände dagegen kennt, weiß, dass diese Forderungen
zunächst utopisch, aber aus der Sicht des Klimaschutzes unabweisbar
sind. Je schneller sich diese Einsicht durchsetzt, umso besser.
Sonst können wir die Vorreiterrolle vergessen.
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