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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Marianne Weno, Vorstandsmitglied der Stiftung Naturschutz Berlin, greift monatlich aktuelle Entwicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.


Kolumne im März:

Im Trüben fischen

In der Fischhandlung sieht es aus wie immer: Kabeljau, Rotbarsch und Seelachs neben exotischen Fischen und Schalentieren. Alles nicht gerade billig, aber noch erschwinglich. Hier wird ein Überfluss vorgetäuscht, den es so längst nicht mehr gibt.

Ernährungswissenschaftler raten uns dazu, regelmäßig Fisch zu essen. Lebensnotwendig ist das nicht. Der Seefisch könnte zum Luxusgericht an Feiertagen werden. Aber für große Teile der Weltbevölkerung, die sich kaum Fleisch leisten können, sind die Meeresbewohner die Haupt-Eiweißquelle. Sollte sie versiegen, dann würden noch viel mehr Menschen an Unter- und Fehlernährung leiden.

Schon lange wissen wir, dass weltweit die Fischbestände zurückgehen. Von Kriegsende bis 1995 wurden die Erträge der Fangflotten von 18 Millionen auf 84 Millionen Tonnen gesteigert. Der Preis dafür: Zahlreiche Fanggründe wurden aufgegeben, weil sie erschöpft waren, und die Trawler weichen in immer weiter entfernte Gebiete aus. Auch werden heute Fischarten vermarktet, die man früher kaum beachtet hatte.

Schwimmende Fischfabriken ruinieren die Meere

Es gibt verschiedene Gründe für den Rückgang der Fischfauna, aber Hauptursache ist die Überfischung durch immer größere Fangschiffe mit immer raffinierterer Technik. Sie orten mit Echolot und Satellitentechnik die Fischschwärme. Riesige, engmaschige Treib- und Schleppnetze und andere effektive Geräte kämmen unterschiedslos alles Lebendige aus den Fanggebieten heraus, darunter Delphine, Seevögel und Meeresschildkröten. Überlange Treibnetze sind seit 1993 weltweit verboten, werden aber insgeheim weiter benutzt. An die 40 000 Supertrawler ziehen die Hälfte bis zu einem Drittel der gesamten Fänge an Land. Was Menschen nicht essen, wird zu Fischmehl verarbeitet und an Schweine oder Zuchtfische und Zuchtgarnelen verfüttert. Die kleinen Fischerboote in Küstennähe sind keine Gefahr für die Bestände, sondern Verlierer im Kampf um die Ressourcen.

Die Nordsee ist von Natur aus ein überdurchschnittlich produktives Meer. Der Grund: Ein relativ großer Anteil ihrer Fläche besteht aus küstennahen Schilfgebieten, in denen sich die Fischbruten entwickeln und die Fische reichlich Nahrung finden. Ähnliches gilt für die Ostsee, die früher ein sehr fischreiches Gewässer war. Aber beide Meere sind gerade auch durch ihre lange Küstenlinie und die zahlreichen Flussmündungen besonders stark verschmutzt und überdüngt. In der Ostsee gibt es in groóen Bereichen keinen Sauerstoff mehr.

Die "Umweltweisen" warnen

Jetzt hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen ein Sondergutachten "Meeresumweltschutz für Nord- und Ostsee" veröffentlicht. Es beginnt mit der Überschrift: "Keine Entwarnung für Nord- und Ostsee". Das Gutachten betont, dass es Entlastungen gegeben hat, vor allem bei der Abwasserreinigung und beim Immissionsschutz, aber die Überfischung ist ebenso weitergegangen wie die Überdüngung durch die Landwirtschaft, und die Belastungen durch Schiffsverkehr, Tourismus, Aquakulturen und die geplanten Off-Shore-Windanlagen nehmen weiter zu.

Die Gutachter beschreiben in nüchterner Wissenschaftssprache erschreckende Zustände. Sie fordern eine "gesamtheitliche Schutzgebietskonzeption", entwickeln Strategien für eine wirksamere Meeresumweltpolitik und betonen, dass die Gesetze und Richtlinien der nationalen und europäischen Institutionen besser koordiniert und vor allem entschiedener durchgesetzt werden müssen.

Auf dem Weg zum "toten Meer"

Der größte Schaden entsteht nach ihrer Ansicht durch die intensive Fischerei. Sie hat dazu geführt, dass wichtige Fischarten, wie der Kabeljau, so weit zurückgegangen sind, dass sie sich möglicherweise nicht mehr erholen können. Bedrohlich ist auch der "Beifang": Fische und andere Meerestiere, die nicht genutzt werden können, in den Netzen verenden und Über Bord geworfen werden. Bodennetze zerstören großflächig am Boden bestehende (benthische) Lebensgemeinschaften. Durch die wahllose Vernichtung der Artenvielfalt wird auch die Nahrungskette vom Plankton bis zur Robbe (und zum Menschen) durchbrochen.

Der Sachverständigenrat empfiehlt, die Fischbestände "oberhalb der biologischen sicheren Grenzen" zu bewirtschaften, beziehungsweise dafür zu sorgen, dass sie sich bis zu diesem Niveau erholen können. Das würde strenge Fangquoten bis hin zu totalen Verboten bedeuten. Zugleich könnte damit den Nord- und Ostseefischern eine Zukunft gesichert werden, die es nicht geben wird, wenn der Raubbau weitergeht wie bisher. Zu befürchten ist jedoch, dass die Politik wie so oft eher kurzatmig auf die Interessen der jetzt aktiven Generation blickt. Dann wären Nord- und Ostsee wirklich auf dem Weg zum "toten Meer".

Marianne Weno


SRU, Rat von Sachverständigen für Umweltfragen: Sondergutachten "Meeresumweltschutz für Nord- und Ostsee", Februar 2004
Kurzfassung, 28 Seiten, unter www.umweltrat.de.

Langfassung, 461 Seiten, im Buchhandel oder direkt von der Nomos Verlagsgesellschaft mbH; Postfach 1320, 53003 Bonn

Dietrich Jðrn Weder: Noahs Arche heute, Seiten 86-117, Kreuz Verlag Stuttgart, ISBN 37831 1804 2





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