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Kolumne im Juni
Wildwest am Teltowkanal
Stadtflüchtige Berliner, die im Umland Ruhe und Natur
gesucht haben, können fatale Überraschungen erleben. Weil
so viele Leute auf die gleiche Idee gekommen sind, breitet die Stadt
ihre Krakenarme aus und verschlingt unaufhaltsam das Grün. Der
wenig appetitliche Name “Speckgürtel” trifft es genau:
Gewinnstreben von Investoren, oft gefördert durch ehrgeizige Kommunalpolitiker,
hebelt immer wieder die vernünftigen Grundsätze der “Gemeinsamen
Landesplanung” aus und verschandelt die Landschaften. Wohin man
sieht, Baumärkte, hässlich hin geklotzte Wohnblocks zwischen
Feldern, isolierte, monotone Einfamilienhaussiedlungen - nichts wird
ausgelassen, was das Wohnen im “engeren Verflechtungsraum”
vielfach so trist macht.
Ein Fall besonderer Art spielt sich jetzt im Südwesten
ab. Kleinmachnow ist immer noch einer der schönsten Vororte Berlins,
obwohl es auch hier schlimme Bausünden gegeben hat. Die Lage am
Teltowkanal, der sich zum Machnower See erweitert, das viele Grün
der Wälder und Gärten und die lockere Bebauung machen den
Reiz des Ortes aus.
Das Besondere an der Geschichte liegt darin, dass die Gemeindevertretung
ihr Grün schützen will und dabei einen mächtigen Konzern
zum Gegner hat, der versucht, mit einem zweifelhaften Trick seine Pläne
durchzusetzen.
Worum geht es? Der Seeberg mit der Hakeburg ist das Kernstück
des grünen Kleinmachnow und ein beliebtes Wander- und Erholungsgebiet.
Die Anhöhe ist bedeckt mit einem wertvollen, abwechslungsreichen
Mischwald, mit Bäumen aller Altersstufen. In alten Eichen und Kiefern
brüten zahlreiche Vogelarten. Der Boden ist großflächig
mit Blütenpflanzen wie Maiglöckchen und Sternmiere bedeckt.
Dazwischen liegt eine Wiese, auf der Sommerkonzerte stattfinden. Verstreute
Bauwerke, zum Teil unter Denkmalschutz, stören die Idylle nicht
allzu sehr.
Schöner Wohnen statt Wald
Leider gehört der größte Teil des Geländes der
Telekom als Nachfolgerin der ehemaligen Reichspost. Diese hatte in den
Gebäuden, die heute noch vorhanden sind, eine Versuchsanstalt betrieben.
Daher ist der Bereich im Flächennutzungsplan als “Sondergebiet
Bildung und Forschung” ausgewiesen. Das bedeutet: Wohnbebauung
ist ausgeschlossen. Etwa die Hälfte der Fläche ist Landschaftsschutzgebiet.
1999 hatte die Telekom schon einmal versucht ein großes Bauprojekt
durchzusetzen. Sie wollte Gebäude für Forschung und Verwaltung
mit 2000 Mitarbeitern errichten. Die Gemeindevertretung sagte nein,
weil sie Schaden für das Landschaftsbild und starke Verkehrsströme
befürchtete.
Damals verpachtete die Telekom zunächst einen Teil
des Geländes und der Gebäude an zwei Schulen: eine Waldorfschule
mit Kindergarten und die Berlin-Brandenburg International School. Sie
arbeiten dort erfolgreich in der reizvollen Umgebung und haben bereits
viel Geld in Umbauten und Gartenanlagen investiert. Allein in der Waldorfschule
lernen über 300 Schüler. Eine baureife Planung für einen
Campus im Grünen wurde erarbeitet. Die Gemeindevertretung unterstützt
das Konzept.
Wenn die Telekom nicht andere Pläne hätte. Sie
möchte rings um die Schulen 10 Hektar Wald abholzen lassen, die
Hälfte davon Landschafts-schutzgebiet, um dort 60 Einfamilienhäuser
auf großen Grundstücken zu bauen. Zu diesem Zweck hat sie
das Planungsbüro Nalbach beauftragt, das Konzept der Schulen mit
dem einer solchen Wohnbebauung zu kombinieren. Der Plan liegt inzwischen
vor. Die Telekom will also bauen, gegen das Votum der gewählten
Gemeindevertreter und gegen den Flächennutzungsplan. Im Rechtsstaat
unmöglich? Im Pachtvertrag mit den Schulen gibt es allerdings eine
Klausel, die besagt, dass die Einrichtungen nur dann weiter bestehen
können, wenn der Flächennutzungsplan geändert und die
Wohnbebauung genehmigt wird.
Wie nennt man so etwas?
Der Gedanke liegt nahe, dass die Telekom ihre offensichtlich zu hoch
bewerteten Immobilien auf diesem Wege aufwerten will. Oberflächlich
betrachtet scheint der Konzern am längeren Hebel zu sitzen. Was
wird aus den Schulen, wenn sie, wie angedroht, zum Jahresende die Kündigung
erhalten? Und wie könnte, wie müsste die Gemeinde darauf reagieren?
Sehr fraglich ist jedoch, ob die Kündigungsklausel rechtswirksam
ist, da die Betroffenen keinen Einfluss auf die Planungen der Gemeinde
haben. Ist es denkbar, dass sich in einem derartigen Konflikt durchsetzt,
wer die besten Tricks kennt? Und wie nennt man es, wenn jemand auf solche
Weise seine Interessen durchzusetzen versucht?
In jedem Fall heißt es für Schüler und
Eltern, für Umweltschützer und alle Gegner des Projektes:
gemeinsam Druck machen!
Marianne Weno
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