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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Kolumne im Juni 2002

Sind wir ein Volk von Tierfreunden?

Ja, aber sicher! Schließlich können wir uns so sehr empören: über die Singvogeljagd in Italien, den Stierkampf in Spanien, über Hunde essende Chinesen und Wale tötende Japaner. Wir lieben und verwöhnen unsere Hunde und Katzen, auch wenn wir sie nach Weihnachten oder vor den großen Ferien leider manchmal aussetzen müssen. Schweine, Rinder und Geflügel lieben wir hauptsächlich in der Pfanne, und weil wir so empfindsam sind, schauen wir nicht in die Legebatterien und Massenställe und sehen uns die niedlichen Kälbchen und Ferkelchen lieber auf der Grünen Woche an. Aber Fleisch muß doch billig sein, damit es sich jeder leisten kann, oder...?

Diese Art von Tierliebe hat mit dazu geführt, dass es beim Tierschutz hierzulande finster aussieht. Zwar heißt es im Gesetz, Wer ein Tier hält, muss es "seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen". Dass die industrielle "Tierproduktion" solche schönen Vorgaben nicht einmal ansatzweise erfüllt, braucht man wohl nicht zu erklären. Auch in der langen Regierungszeit derer, die Tiere gern als "Mitgeschöpfe" bezeichnen, hat sich daran nichts geändert. Jetzt haben alle Parteien zugestimmt, dass der Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen wird. Niemand weiß, ob das den Tieren viel helfen wird. Aber es bietet wenigstens dem Verfassungsgericht neue Möglichkeiten.



Chance für Henne Berta

Seit jedoch aus dem Landwirtschafts- ein Verbraucherministerium wurde und mit Renate Künast eine Ministerin an die Spitze kam, die nicht mit der Agrarlobby verbandelt ist und klare Vorstellungen von einer Agrarwende hat, ist immerhin etwas in Bewegung gekommen. Eine Vielzahl von Initiativen auf EU-Ebene und von Verordnungen im nationalen Bereich zeigen den Willen, Tier- und Verbraucherschutz grundlegend zu verändern. Der erste große Schritt bisher ist die Hennenhaltungs-Verordnung, die das Aus für die Legebatterien bedeutet. Ab Ende 2006 wird es bei uns keine Hennen mit zerrupftem Gefieder in engen Käfigen ohne Bewegungsmöglichkeit mehr geben. Schon ab Ende dieses Jahres sind die bisher üblichen Käfige mit 450 cm² Bodenfläche pro Huhn verboten. (Zum Vergleich: eine DIN A4-Seite hat 625 cm² .) Von 2004 an müssen es immerhin 550 cm² sein. Ab 2006 haben auch diese Käfige ausgedient. Die "ausgestalteten" Käfige mit Sitzstangen, Legenestern und Einstreu haben noch Bestandsschutz bis 2011, während sie EU-weit auf Dauer erlaubt sind. Ab 2012 soll es bei uns nur noch Boden-, Freiland und Volierenhaltung geben. Ländliche Hühnerhof-Idylle bedeutet das allerdings noch lange nicht.



Weiter Weg und kleiner Fortschritt

Bis es so weit ist, werden noch Generationen von Hühnern in den Käfigen vegetieren. Übrigens ist immer nur von Hennen die Rede, weil die männlichen Küken bei den Großzüchtern sofort und oft auf grausame Weise getötet werden. Rassen, die zum Eierlegen gezüchtet wurden, eignen sich nicht gut für die schnelle Mast, also weg mit der überflüssigen Hälfte. Über unsere Einstellung zur "Ware" Tier sagt das einiges aus.

Über die Haltung von Masthähnchen, Puten und Enten ist noch nichts entschieden, dabei sind die Mißstände hier nicht geringer und neue Regelungen überfällig. Aus dem Ministerium heißt es, die Haltung von Mastgeflügel werde "überprüft" und Vorschläge für Mindestanforderungen sollten in der ersten Hälfte 2002 vorgelegt werden. Kälber- und Schweinemast, Tiertransporte, Qualzuchten, Kastration von Schweinen ohne Betäubung - es wird noch lange dauern, bis wir wirklich ein Volk von Tierfreunden werden. Und wir müssen bereit sein, den Preis dafür zu bezahlen.

Bis heute werden immer größere Anlagen mit tausenden von Tieren geplant und gebaut - mit fatalen Folgen auch für die Umwelt. Die Unmengen an Dung und Gülle belasten Böden und Grundwasser, Ammoniak verpestet die Umgebungsluft. Immer häufiger protestieren Anwohner gegen solche Anlagen. Aber auch die Widerstände gegen die Agrarwende sind massiv. Der Fall Nitrofen kam einigen Gegnern offenbar ganz gelegen. Sahen sie doch eine Gelegenheit, mit dem Finger auf den Öko-Landbau zu zeigen und vielleicht sogar eine unbequeme Ministerin loszuwerden.

Hoffen wir also, dass das Kanzlerwort "Weg von den Agrarfabriken" Bestand hat, Renate Künast weiter Stehvermögen zeigt, und dass auch nach der Wahl vom Staatsziel Tierschutz mehr bleibt als eine schöne Floskel im Grundgesetz.

Mehr zum Thema:

Die Homepage des Verbraucherministeriums

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 


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