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Kolumne im Juli 2002
Schöne neue Gentech-Welt?
Glauben Sie, dass wir uns noch gentechnikfrei ernähren können?
Schon heute müssen wir damit rechnen, dass Spuren
von gentechnisch veränderten Organismen, die nicht unter die Kennzeichnungspflicht
fallen, in vielen Lebensmitteln vorhanden sind. Obwohl die meisten Verbraucher
derart manipulierte Produkte ablehnen, hat sich die Biotechnik-Industrie
in aller Stille zu einem Machtfaktor entwickelt, der weltweit die Landwirtschaft
verändert hat und auch bei uns buchstäblich an Boden gewinnt.
Welche Risiken das mit sich bringt, ist umstritten. Ob
gentechnisch veränderte Produkte der Gesundheit schaden können,
etwa durch Fremdgene als Allergieauslöser, weiß niemand genau.
Wie weit die Artenvielfalt dadurch bedroht ist, dass neu "konstruierte"
Pflanzen, Tiere und Mikroben in die Ökosysteme gelangen, könnte
sich erst zeigen, wenn es zu spät ist. Denn Organismen, die einmal
freigesetzt wurden, lassen sich nie mehr zurückholen.
Kein Mittel gegen den Hunger
Eine schwerwiegende Folge ist jedoch heute schon unübersehbar:
der Schaden für die Landwirtschaft, besonders in den Entwicklungsländern.
Verfechter der "Grünen Gentechnik" argumentieren, sie
allein könnte die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung
sicherstellen. Das Gegenteil ist richtig. Die Landwirte werden immer
abhängiger von Konzernen wie Monsanto, Hoechst und Adventis.
Oft arbeiten sie nur noch als schlecht bezahlte Angestellte
der Saatgut-Firmen oder als ihre geknebelten Vertragspartner. Mitunter
liefern die Konzerne Saatgut nur in Verbindung mit Herbiziden, gegen
die die Pflanzen resistent gemacht wurden, auch wenn die Bauern gar
keine Chemie verwenden wollen. Das bekannteste Beispiel ist Roundup-Ready-Soja
von Monsanto. Die Herbizide verseuchen Böden und Gewässer
und machen die Felder unbrauchbar für eine sinnvolle Fruchtfolge.
Früher gewannen die Bauern überall ihr Saatgut
von den besten Pflanzen ihrer Ernte. Heute müssen sie jedes Jahr
neues Saatgut kaufen, weil die Samen oft durch ein "Terminator-Gen"
keimunfähig gemacht wurden. Die großflächigen Monokulturen
sind im übrigen weitaus weniger produktiv als traditionelle Anbauweisen
mit Fruchtfolge, Unterpflanzungen und Brachflächen.
Bio-Piraten
Die Artenvielfalt geht auch bei den Kulturpflanzen immer mehr zurück.
Dazu trägt die "Öko-Piraterie" bei, die darin besteht,
dass Konzerne traditionelle, an die Standorte angepaßte Pflanzen
gentechnisch verändern und patentieren lassen. So haben die Gen-Bastler
einige der besten und teuersten asiatischen Reissorten wie den indischen
Basmati bereits so manipuliert, dass er auch in den USA angebaut und
von dort billig exportiert werden kann. Auf diese Weise verlieren die
Landwirte in den Ursprungsländern ihre Märkte. Die Menschenrechtsorganisation
FIAN berichtet in ihrer Zeitschrift "Food First" über
einen aktuellen Fall: US-Forscher haben sich auf zweifelhaften Wegen
Samenproben von thailändischem Jasmin-Reis beschafft und arbeiten
im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums daran, die Pflanzen an das
Klima in den USA und an die maschinelle Ernte anzupassen. Wenn das gelingen
sollte, wären 5 Millionen thailändischer Kleinbauern in ihrer
Existenz bedroht.
Das Saatgut schützen!
Auch die EU will nun offenbar vor den Interessen der Gen-Industrie einknicken.
Im Januar hat die Kommission einen Richtlinien-Entwurf vorgelegt, nach
dem konventionelles Saatgut ohne Kennzeichnung mit gentechnisch veränderten
Sorten zwischen 0,3 und 0,7 Prozent verunreinigt sein darf. Das entspricht
einem Anteil von 30-70 Quadratmetern an einem Hektar Anbaufläche.
Bisher gilt als Grenzwert allgemein die Nachweisgrenze von 0,1%. Sollte
die Richtlinie angenommen werden und ab Jahresende auch bei uns in Kraft
treten, dann wäre ein gentechnikfreier Anbau auch im Öko-Landbau
praktisch unmöglich, weil durch den Pollenflug nach und nach alle
Äcker infiziert würden. Den Pflanzenzüchterverbänden
geht der Entwurf noch immer nicht weit genug. Sie wollen für Saatgut
einen Grenzwert von 1%. Dagegen fordern Umwelt- und Öko-Anbauverbände,
dass es bei den bisherigen Werten bleibt. Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft
sammelt Unterschriften für eine Petition an die EU-Kommission unter
dem Titel "Save our seeds", die nach der Sommerpause in Brüssel
übergeben werden soll. In der geplanten Form wäre die Richtlinie
ein weiterer Schritt zur unkontrollierten Verbreitung einer riskanten
Technologie, die schon heute als das "Erdöl des einundzwanzigsten
Jahrhunderts" gilt. Wie dieses kann sie viel Geld bewegen, aber
ihre Gefährlichkeit ist wohl eher mit der der Atomenergie vergleichbar.
Mehr zum Thema:
• Zukunftsstiftung Umwelt
Hintgrundinformationen: Richtlinie der EU zur Verunreinigung mit gentechnisch
verändertem Saatgut.
• Biopiraterie im Reisfeld, FoodFirst, FIAN-Magazin
2/2002
• Greenpeace: Gentechnik überall im Saatgut?
Presseerklärung vom 13. Mai 2002.
Die Unterschriftenlisten für die Petition "Save our seeds"
sind unter
www.saveourseeds.org
oder
bei der Zukunftsstiftung Landwirtschaft
Rungestraße 19
10179 Berlin
zu erhalten.
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