KontaktEnglish
Spenden
Newsletter
Suche:
AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Marianne Weno, Vorstandsmitglied der Stiftung Naturschutz Berlin, greift monatlich aktuelle Entwicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.


Kolumne im Januar:

Wann geht uns ein Licht auf?

Advent, abends, in den achtziger Jahren: durch die amerikanische Wohnsiedlung an der Clayallee sind Familien unterwegs, die ihren staunenden Kindern die üppig beleuchteten Weihnachtsdekorationen zeigen, Schnee- und Weihnachtsmänner, Rentierschlitten und Weihnachtsbäume mit bunten Lämpchen. Zu Hause zündet man dann die Kerzen an, „erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier...“ Inzwischen sind die Amerikaner weg, aber wir ha-ben in gewohnter Perfektion den ganzen Glitzerkram übernommen und noch ausgebaut. Strom sparen – doch nicht jetzt, Geld sparen - aber doch nicht an Lichterketten und Licht-schläuchen, die schließlich die Nachbarhäuser in den Schatten stellen sollen. Der Strom kann laut Stiftung Warentest schon für eine Kette mit 35 Lämpchen, die vier Wochen brennt, so viel kosten wie der für den Kühlschrank im ganzen Jahr. Der BUND hat ausgerechnet, dass das Lichtspektakel im Lande die Produktion eines Großkraftwerkes verbraucht. Der SPIEGEL berichtet von Hausbesitzern, die zwischen 20 und 40 000 Lämpchen aufhängen, aber auch Morddrohungen bekommen und tote Mäuse im Briefkasten finden. Eigentlich woll-ten wir ja Weltmeister im Klimaschutz sein. Aber umgekehrt proportional zum Klimawandel scheint sich ein Hang sinnlosen Energieverschwendung auszubreiten.

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Was gerade jetzt besonders auffällt, macht sich zu allen Jahreszeiten bemerkbar: der Mensch von heute liebt es hell. Auf Satellitenbildern erscheinen die bewohnten Gebiete als ein immer dichter werdendes Netz aus Lichtpunkten. Erleuchtete Hochhäuser, Straßen und Flugplätze, Leuchtreklamen und Flutlichtanlagen und in letzter Zeit die weit in den Himmel strahlenden „Sky-Beamer“ machen die Nacht zum Tage. Astronomen können am hellen Himmel kaum noch die Sterne beobachten.

Schlimm ist nicht nur der Klimaeffekt. Was die wenigsten wissen: die Natur leidet ganz di-rekt unter den Folgen. Schon einfache Straßenlaternen ziehen nachtaktive Insekten magisch an. Sie fliegen auf die Lichtquellen zu, umkreisen sie in spiralförmigen Bahnen, bis sie an Erschöpfung sterben, an heißen Lampen verbrennen oder in die Gehäuse hineingeraten und dort verenden. Dabei gäbe es einfache Abhilfe. Umweltschützer fordern, die üblichen Quecksilberdampf-Hochdrucklampen, die mit ihrem Spektralbereich besonders viele Insek-ten anlocken, durch das gelbe Licht der Natriumdampf-Hochdrucklampen zu ersetzen. Auf die Dauer würde das sogar billiger, da diese Lampen bei geringerem Stromverbrauch mehr Licht geben. Auch sollten die Laternen so konstruiert sein, dass sie nach unten und nicht nach allen Seiten strahlen. Die Stadt Augsburg macht es vor: dort werden nach und nach alle Straßenlaternen umgerüstet.

...wie Motten das Licht

Die meisten Schmetterlingsarten sind Nachtfalter. Sie werden zur Bestäubung vieler Pflan-zen gebraucht und sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette. Noch jagen Vögel und Fleder-mäuse gern in der Nähe der Lichtquellen, wo sie leichte Beute finden, aber wenn die Insek-ten rar werden, bekommen auch sie ein Problem. So ziehen die Lichter am Potsdamer Platz Millionen von Faltern, Käfern, Eintagsfliegen und Motten aus dem Tiergarten an. Der be-leuchtete gläserne Bau des Lehrter Bahnhofs, der auf die Tiere wie eine helle Wasserfläche wirkt, könnte noch schlimmere Folgen haben.

Auch die übrige Tierwelt leidet unter den unnatürlichen Lichtverhältnissen und dem gestör-ten Tag-Nacht-Rhythmus. Viele Vögel sterben, weil sie gegen Leuchttürme, Bohrplattfor-men und Hochhäuser fliegen. Zugvögel werden durch angestrahlte Burgen und Flugplätze von ihren Routen abgelenkt. Aus einem hessischen Städtchen wird berichtet, dass 2000 Kraniche auf ihrem Herbstzug dort strandeten, verwirrt durch die Flutlichtanlage einer nahen Burgruine. Erst als die Beleuchtung ausgeschaltet wurde, konnten die Vögel weiterfliegen. Aus Florida kommt die Nachricht, dass die dort aufwändig geschützten Meeresschildkröten, wenn sie aus den Eiern geschlüpft sind, nicht mehr zum Meer finden, weil sie das Licht der Städte sie in die falsche Richtung lockt.

Als bisher einziges Land hat Tschechien ein Gesetz gegen die Auswüchse der Beleuch-tungstechnik. Dort sind Skybeamer verboten, und für falsch angebrachte Lampen, Leuchtre-klamen und Flutlichtanlagen gibt es hohe Geldstrafen. Ähnliche Ansätze finden sich in eini-gen Staaten der USA, in der Lombardei, in Katalonien und auf den kanarischen Inseln.

Bei uns hat die Politik offenbar noch nicht wahrgenommen, dass neben der Luftver-schmutzung auch die „Lichtverschmutzung“ das Ökosystem bedroht. Aber die Stimmen von Wissenschaftlern und Umweltverbänden, die Abhilfe fordern, werden lauter. In Berlin widmet sich die Arbeitsgruppe Natur- und Artenschutz des BUND seit Jahren intensiv diesem The-ma. 2001 zeigte sie eine Ausstellung „Lichtökologie“ und im Februar 2003 veranstaltete sie eine Tagung zum gleichen Thema mit hochkarätigen Fachleuten in den Räumen der Stiftung Naturschutz. Seitdem wächst auch in den Bezirken das Interesse an besseren Beleuch-tungskonzepten.

Vielleicht geht auch uns bald ein Licht auf.

Marianne Weno


Dr. Ing Claudia Kaul, Dipl. Ing. Frank-Michael Hassel: “Umweltfreundliche Außenbeleuchtung (k)ein Thema?“ Zu beziehen durch Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V., Kreisgruppe Alzey-Worms, Gärtnergasse 16, 55116 Mainz.

„Die HELLE NOT. Künstliche Lichtquellen – ein unterschätztes Naturschutzproblem.“ Tiroler Landesumweltanwalt (Hrsg.), Innsbruck 2001.

„Licht und Umwelt. OSRAM GmbH 1999.




Frühere Kolumnen
2003

Dezember

November

Oktober
September
August
Juli

Juni
Mai

April

März
Februar
Januar

  sonst wird Dich der Jäger holen...
Baumschutz–verbessern statt verwässern!
Alles halb so schlimm?
Kein Leben ohne Chemie
Vertrauen schaffen?
Ein Stoff mit Licht- und Schattenseiten
Wildwest am Teltowkanal
Von Füchsen und Menschen
Frösche in Zeiten des Krieges

Teufel auf dem Berg
Krieg gegen die Umwelt
Wo bleibt die Lebensqualität?

2002
 

Dezember
November

Oktober

September

August
Juli

Juni

Mai
April

März
Februar
Januar

Zitronenfalter vom König
Wo bleibt die Farbe Grün?
Wie man seinen Garten verwüstet
Flüsse in der Zwangsjacke
Brief aus Schweden
Schöne neue Gentech-Welt?
Sind wir ein Volk von Tierfreunden?
Reiten wir voraus?
Hoffnung für Schweinswal und Co?
Energie aus dem Wald?
Rot + Rot = Grün?
Alles wie zuvor?
2001
Dezember

Mehr als gute Absicht?