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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Kolumne im Januar 2003

Wo bleibt die Lebensqualität?

Droht uns jetzt der Rückfall, nicht gerade ins Mittelalter, aber doch in finstere Nachkriegszeiten, als es noch kein Dosenbier gab? Ältere werden sich erinnern, dass sie als Kinder zum Bierholen mit einer großen Kanne in die Kneipe geschickt wurden. Später kam die Mehrweg-Glasflasche und dann, als Krönung des Fortschritts, die bequeme und vielseitige Dose. Sogar Berliner Luft als Souvenir ließ sich darin verpacken. Als erste Zweifel am ökologischen Sinn des Undings aufkamen, ließ sich die Werbewirtschaft die Kampagne "Ich war eine Dose" einfallen. "Wunderbar", sollten wir denken, "wenn aus den wiederverwerteten Blechbüchsen so hübsche bunte Spielsachen werden, dann kann ich sie ja beruhigt weiter kaufen".



Symbol der Verschwendungswirtschaft

Glaubt man den Medien, dann regt zur Zeit kaum ein Thema die Menschen so auf wie das Dosenpfand. "Auf alles Mögliche sollen die Deutschen im neuen Jahr verzichten. Und jetzt auch noch auf die Dose?" wehklagt der Tagesspiegel, weil Aldi und Lidl die neuerdings ungeliebten Dinger aus den Regalen nehmen. Offenbar gibt es ziemlich viele Leute, die meinen, ein Stück Lebensqualität einzubüßen, wenn sie eines der dümmsten und überflüssigsten Produkte der Wegwerfgesellschaft nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen kaufen können. Ein Produkt, das teurer ist als sein Inhalt, und das unter großem Rohstoff- und Energieaufwand einzig zu dem Zweck hergestellt wird, um aus dem Laden nach Hause oder in die Landschaft getragen, leergetrunken und dort weggeworfen zu werden.


Woraus das Unding besteht

In den meisten Fällen aus Weißblech, das heißt, verzinntem Stahlblech, mit einem Deckel aus Aluminium. Stahlblech entsteht aus Eisenerz, das im Hochofen zu Roheisen, im Stahlwerk zu Stahl und im Walzwerk zu Blech verarbeitet wird. Auf allen Stufen wird sehr viel Energie verbraucht.

Zinn ist ein kostbarer Rohstoff, denn die Vorräte auf der Erde sind begrenzt. Sie werden allenfalls noch einige Jahrzehnte reichen.

Aluminium wird unter großem Energieaufwand und Schadstoffausstoß aus Bauxit gewonnen. Der Abbau geht mit enormen Umweltschäden und Zwangsumsiedlungen einher. Auch die Verhüttung findet meist da statt, wo die Umweltauflagen gering sind.

Getränkedosen werden zweimal lackiert, einmal zum Schutz gegen Korrosion und einmal mit dem bunten Aufdruck. Viele Arbeitsgänge also bis zum Füllen, Kaufen und Wegwerfen.

Beim Recycling gelangen viele Schadstoffe in die Umwelt, und am Ende entsteht ein minderwertiges, weil vielfach verunreinigtes Material, das allenfalls zu Baustahl verarbeitet werden kann. Die bunte Blechschildkröte war ein Phantasieprodukt aus der Werbeküche.



Tote Dose?

Ein Vorteil der neuen Verordnung steht schon fest: aus der Landschaft wird das Blech weitgehend verschwinden. Aber wird auch der Anteil der Dosen am Markt zurückgehen? Sollte der Boykott der Discounter Bestand haben, dann könnte es sein, dass die Dosen insgesamt teurer werden und hauptsächlich noch in Fußballstadien verkauft werden. Es kann aber auch so gehen wie in Schweden, wo die Händler sich ganz auf Rücknahmesysteme für Dosen und Pet-Flaschen eingestellt haben und kaum noch Mehrweg-Glasflaschen verkauft werden.

Alles hängt von den Verbrauchern ab. Wenn sie entdecken, dass es auch ohne Coladose nicht wie auf einem Schwarzwaldhof vor hundert Jahren zugeht, und dass man Bier auch aus der Flasche trinken kann, dann könnte Rückschritt diesmal ein Fortschritt sein.

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 



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