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Kolumne im Februar 2003
Krieg gegen die Umwelt
Stellen wir uns einmal vor, das Rhein-Main-Gebiet mit
Biblis und Hoechst würde bombardiert. Die Folgen kann sich jeder
ausmalen. In Serbien wurden durch die Angriffe auf Industriestandorte
ganze Regionen durch Giftschwaden verseucht. Giftstoffe flossen in die
Donau und bis ins Schwarze Meer. In Vietnam leidet heute noch rund eine
Million Menschen an den Folgen der Entlaubungsaktion mit Agent Orange.
Wenn das Öl brennt
Brennende Ölanlagen setzen große Mengen an Schwermetallen,
polizyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs) und anderen Giftstoffen
frei. Als Saddam Hussein im vorigen Golfkrieg die kuweitischen Ölfelder
anzünden ließ, gelangten diese Stoffe in den Boden, ins Meer
und schließlich in die Nahrungskette. Trotz dieser Erfahrung wurde
später die jugoslawische Ölindustrie zum bevorzugten Angriffsziel.
Im Golfkrieg hatten die USA panzerbrechende Munition mit
einem Mantel aus "abgereichertem Uran" (DU) verwendet. Die
Atomenergiekommission sagte damals voraus, nach dem Einsatz von 50 Tonnen
DU würde eine halbe Million Menschen an Krebs sterben. Die britische
Zeitung "The Guardian" schrieb im April 1999, die Nato-Staaten
führten "aller Wahrscheinlichkeit nach einen heimlichen, unerklärten
Nuklearkrieg". Tatsächlich gibt es schon jetzt im Süden
des Irak mehr Krebsfälle denn je.
Über alle Grenzen
Über die möglichen politischen Folgen eines neuen Golfkrieges
wird viel diskutiert, über die Opfer auf beiden Seiten schon weniger.
Fast ganz ausgeblendet wird, was ein moderner High-Tech-Krieg in der
Umwelt anrichtet. Dabei gehen die Folgen weit über die eigentliche
Kriegszeit hinaus. Nicht nur die jetzt Lebenden werden bekämpft,
sondern zunehmend auch die noch nicht Geborenen. Und die Schäden
überschreiten die Grenzen der beteiligten Staaten. Nach dem Bosnienkrieg
wurden in Griechenland erhöhte Dioxin- und Furanwerte gemessen.
Die Klimaauswirkungen betreffen alle Länder.
Katastrophengesellschaft
Eine einzige konventionelle Bombe kann heute einen "Gaskrieg"
oder sogar einen atomaren GAU auslösen, wenn sie eine Chemiefabrik
oder eine Atomanlage trifft. Besonders gefährlich wird es, wenn
Werke der Chlorchemie getroffen werden, die Dioxine und Furane freisetzen.
Alle Industrieländer, auch Deutschland, stehen voll solcher "Zeitbomben".
Selbst scheinbar harmlose Stoffe können im Feuer zu gefährlichen
Giften werden. Das zeigen Brände von Gebäuden, in denen PVC
verbaut wurde.
In einem internen Papier des Umweltbundesamtes (UBA) von
1999, das die TAZ veröffentlichte, hieß es: "Mit Sicherheit
geht von den in Folge der Zerstörung von Industriestandorten entstandenen
Altlasten eine weit über das Kriegsende hinausreichende Gefährdung
der Menschen in den betroffenen Regionen aus". Das könnte
dazu führen, so die Behörde, "dass eine zivile Nutzung
weiter Teile dieser Regionen wegen der Kontaminationen von Boden, Grund-
und Oberflächenwasser nicht möglich sein wird". Die Risikogesellschaft,
in der wir leben, wird im Konfliktfall schnell zur Katastrophengesellschaft.
Klimaschutz - Nebensache
Kriege sind immer eine Zumutung für die Vernunft, weil sie Regeln
und Vereinbarungen der Zivilisation außer Kraft setzen. Schon
bevor der Krieg beginnt, ist der Klimaschutz zum kleinen Randproblem
geworden. Wir kaufen Energiesparlampen und fragen uns, ob wir uns einen
Ferienflug nach Mallorca noch leisten dürfen, aber selbst in den
Medien ist kaum die Rede davon, wie viel Kohlendioxid der Transport
von hunderttausenden Soldaten samt Gerät an den Golf schon vor
Kriegsausbruch produziert, von späteren Bombereinsätzen und
Großbränden ganz zu schweigen. Kriege sind eigentlich unmöglich
geworden. Aber sie finden immer noch statt.
Marianne Weno
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