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Kolumne im Februar 2002
Rot + Rot = Grün?
Umweltpolitik im Koalitionsvertrag
Auf den ersten Blick sieht die rot-rote Koalitionsvereinbarung
ziemlich grün aus. Schaut man genauer hin, dann entsteht jedoch
der Eindruck, dass gerade der Umwelt- und Verkehrsteil neben einigen
positiven Beschlüssen eine ganze Menge heißer Luft enthält.
Das Umwelt-Kapitel beginnt mit dem Bekenntnis zu dem "globalen
Leitbild der nachhaltigen Entwicklung gemäß den Verpflichtungen
der Rio-Deklaration. Dieses Ziel ist Grundlage für unser politisches
Handeln". Weil sie so schön klingen, werden diese Sätze
später noch einmal wörtlich wiederholt. Nun wissen alle, die
sich mit dem Begriff beschäftigt haben, dass das so inflationär
gebrauchte Wort "Nachhaltigkeit" nicht mehr bedeutet als eine
ferne Utopie, die mit unserer Wirtschaftsweise im Grunde unvereinbar
ist. Die Enquete-Kommission "Zukunftsfähiges Berlin",
auf die sich der Text mehrmals bezieht, hat gerade erst mit dem Bild
des "ökologischen Fußabdrucks" anschaulich gemacht,
wie weit wir beim Ressourcenverbrauch über unsere Verhältnisse
leben. Die Absichtserklärungen der Koalition lassen nicht erkennen,
dass sich daran grundlegend etwas ändern kann.
Die Koalition "setzt sich ein"
Konkrete Projekte, die uns dem Ziel der Nachhaltigkeit entscheidend
näher bringen könnten, finden sich nur wenige. Die häufigsten
Ausdrücke in dem Papier sind denn auch: "es wird geprüft",
"es wird angestrebt", die Koalition "setzt sich dafür
ein" (beim Bund, bei der BVG, bei privaten Unternehmen und Bauherren).
Ein Beispiel:
"Die Koalition hält an ihrem Ziel fest, bis zum Jahr 2005
die CO2-Emissionen um 25%... zu reduzieren. Die Koalition hat sich darauf
verständigt, dass dafür zukünftig auch der Verkehr einen
messbaren Beitrag leisten muss."
Es fehlt aber jeder Hinweis darauf, wie dieser Beitrag aussehen könnte.
Von dem ursprünglichen Ziel, an dem sogar die große Koalition
verbal festhielt, in der Innenstadt ein Verhältnis von 80 zu 20%
zwischen öffentlichem und Individualverkehr zu erreichen, ist jetzt
nur noch die Absicht geblieben, "die Angebote so zu optimieren",
dass die Wege in dieser Weise "bewältigt werden können".
Positive Ansätze gibt es. Die Solarkampagne wird fortgeführt,
öffentliche Gebäude dürfen Strom nur von solchen Unternehmen
beziehen, die keinen Atomstrom, mindestens 50% Strom aus Kraft-Wärme-Koppelung
und einen jährlich steigenden Anteil aus erneuerbaren Energien
anbieten. Dachflächen öffentlicher Gebäude werden kostenlos
für Solaranlagen zur Verfügung gestellt. Energiesparpartnerschaften
sollen fortgeführt und auf alle öffentlichen Gebäude
ausgedehnt werden.
Ein Biotop-Verbundsystem soll entstehen, wie es das novellierte
Bundesnaturschutzgesetz vorsieht, und Eingriffe in Natur und Landschaft
sollen "ökologisch nachvollziehbar" ausgeglichen werden.
Man möchte es gern glauben.
Leere Kassen können auch ein Segen für die Umwelt
sein. So liest man erfreut, dass die Pläne für die Nordtangente
und die BAB 101 im Bereich Lankwitz aufgegeben werden. Leider nicht
eingestellt wird der Weiterbau der sehr umweltbelastenden Teltowkanalautobahn.
Dafür wird auf eine neue Müllverbrennungsanlage verzichtet.
Der Ärger bleibt
Strittige Projekte, die seit Jahren Umweltschützer
auf die Palme bringen, werden gar nicht erst erwähnt. Kein Wort
zum Wasserstraßenausbau, zur Teufelsberg-Bebauung, zur Tiergarten-Zerstörung
durch die Love Parade - um nur einige "schwarze Löcher"
zu nennen. Stattdessen wird die herausragende "Bedeutung des öffentlichen
Grüns für die Lebensqualität und Attraktivität Berlins"
gepriesen. Alles in allem: ein Programm auf Sparflamme, mit guten, aber
teilweise sehr vage formulierten Vorsätzen. Und bis zur Umsetzung
ist es noch ein langer Weg.
So grün grünt es wohl doch nicht bei Rot/Rot. |