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Kolumne im
Dezember 2002
Zitronenfalter vom König
Schauplatz: das Wissenschaftszentrum Berlin im August 2002. Anlaß:
der Verkehrsclub Deutschland (VCD) stellt die Ergebnisse seines ersten
Umweltrankings deutscher Verkehrsunternehmen vor. Neben Professor Andreas
Troge, dem Präsidenten des Umweltbundesamtes, steht "König
Kunde" mit Krone und Mantel im Hermelinlook und zeichnet die Sieger
aus. Im Frühjahr hatte der VCD die Verkehrsbetriebe aufgerufen,
sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. 32 Unternehmen hatten mitgemacht.
Sauber mit den "Öffentlichen"?
Keine Frage: die öffentlichen Verkehrsmittel sind umweltfreundlicher
als der Pkw. Aber der Vorsprung ist geschrumpft. Während die meisten
Autos heute sehr viel sauberer sind als noch vor einigen Jahren, fahren
bei den Verkehrsbetrieben noch etliche alte Dieselbusse herum, die mit
ihrem hohen Ausstoß an Stickoxiden und Rußpartikeln unter
den Luftverschmutzern ganz oben stehen.
Wieviel klimaschädliches Kohlendioxid produziert wird,
hängt vom Energieverbrauch aller Fahrzeuge, also auch der elektrisch
betriebenen Bahnen ab. Und auf die Auslastung kommt es an. Ein vollbesetztes,
sparsames Auto produziert weniger Schadstoffe pro Personenkilometer
als ein halbleerer Bus. Nur ein Verkehrssystem, das akzeptiert wird,
fährt umweltfreundlich. Deshalb hat der VCD auch die Interessen
von "König Kunde" einbezogen.
Ostdeutschland vorn
In einer Broschüre "ÖPNV-Umweltliste 2002, Umweltfreundlicher
Nahverkehr" hat der VCD jetzt die Ergebnisse vorstellt, mit vielen
überraschenden Details. Bewertet wurden vier Gruppen von Betrieben:
Öffentlicher Verkehr im ländlichen Raum, in Städten bis
100 000 Einwohner, von 100 000 bis 500 000 und über 500 000. Gesamtsieger
waren die Ohrebus Verkehrsgesellschaft in Vahldorf, die KVS GmbH in
Saarlouis, die Freiburger Verkehrs AG und die üstra Hannoversche
Verkehrsbetriebe. Auffallend ist, dass ostdeutsche Unternehmen überproportional
vertreten sind. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, das in
der DDR der öffentliche Verkehr eine größere Bedeutung
hatte. Vorreiter ist hier die Stadtverkehrsgesllschaft Frankfurt/Oder,
die demnächst mit all ihren Erdgasbussen den EEV-Standard erfüllen
wird.
BVG im Mittelfeld
Und was meinen wir Berliner "Könige" dazu, wenn wir bei
schlechtem Wetter eine Viertelstunde auf den Bus warten und die Abgasdüfte
genießen dürfen? Oder der Fahrkartenautomat wieder einmal
nicht funktioniert? Oder wichtige Strecken gerade dann stillgelegt sind,
wenn sie am meisten gebraucht würden? Die BVG rangiert in fast
allen Bereichen auf einem Mittelplatz. Sie besitzt 1315 Busse, davon
über die Hälfte mit Partikelfilter. Alle fahren mit schwefelfreiem
Diesel. Bei der Gesamtwertung erhielt die BVG 3,4 von 5 möglichen
Punkten, bei der Auslastung allerdings nur 2 und bei den Schadstoffen
ganze 1,7 Punkte. Das allerdings soll anders werden: In Zukunft werden
hier immerhin 25 neue Volvo-Busse fahren, 1,9% der gesamten Flotte.
Das sind weltweit die einzigen Dieselbusse, die den EEV-Standard erfüllen
und zugleich nur halb so viel Lärm machen, wie heute nach der EU-Norm
erlaubt ist. Dafür wurde die BVG Innovationssieger für ein
zukunftsorientiertes Umweltmanagement und erhielt zugleich das Recht,
das vom Bundesumweltministerium geschaffene Gütesiegel "Zitronenfalter"
zu nutzen.
Wie es mit der Umweltfreundlichkeit bei den Betrieben
steht, die sich an dem Ranking nicht beteiligt haben, wissen wir nicht.
Vermutlich gibt es da noch sehr viel zu tun. Von der Politik ist zu
fordern, dass sie bessere Rahmenbedingungen schafft, wie Busspuren,
Ampel-Vorrangschaltungen und vieles mehr. Das Bundesumweltministerium
fördert im Rahmen eines Pilotprokjektes den Kauf besonders umweltfreundlicher
Fahrzeuge. Aber es reicht nicht aus, "allein neue Busse und Bahnen
zu kaufen", heißt es in der Studie. Noch ist die Luft viel
zu dick in unseren Städten. Ab 2005 gelten neue EU-Richtlinien
für die Luftreinhaltung mit strengen Grenzwerten, gerade für
Stickoxide und Dieselruß. Sie werden sich nur einhalten lassen,
wenn die alten Stinker verschwinden oder nachgerüstet werden. Sonst
drohen Fahrverbote. Der VCD stellt die Frage: "Ist der ÖPNV-Busverkehr
ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems?"
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