KontaktEnglish
Spenden
Newsletter
Suche:
AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Kolumne im August 2002

Schöne neue Gentech-Welt?

Glauben Sie, dass wir uns noch gentechnikfrei ernähren können?

Schon heute müssen wir damit rechnen, dass Spuren von gentechnisch veränderten Organismen, die nicht unter die Kennzeichnungspflicht fallen, in vielen Lebensmitteln vorhanden sind. Obwohl die meisten Verbraucher derart manipulierte Produkte ablehnen, hat sich die Biotechnik-Industrie in aller Stille zu einem Machtfaktor entwickelt, der weltweit die Landwirtschaft verändert hat und auch bei uns buchstäblich an Boden gewinnt.

Welche Risiken das mit sich bringt, ist umstritten. Ob gentechnisch veränderte Produkte der Gesundheit schaden können, etwa durch Fremdgene als Allergieauslöser, weiß niemand genau. Wie weit die Artenvielfalt dadurch bedroht ist, dass neu "konstruierte" Pflanzen, Tiere und Mikroben in die Ökosysteme gelangen, könnte sich erst zeigen, wenn es zu spät ist. Denn Organismen, die einmal freigesetzt wurden, lassen sich nie mehr zurückholen.



Kein Mittel gegen den Hunger

Eine schwerwiegende Folge ist jedoch heute schon unübersehbar: der Schaden für die Landwirtschaft, besonders in den Entwicklungsländern. Verfechter der "Grünen Gentechnik" argumentieren, sie allein könnte die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen. Das Gegenteil ist richtig. Die Landwirte werden immer abhängiger von Konzernen wie Monsanto, Hoechst und Adventis.

Oft arbeiten sie nur noch als schlecht bezahlte Angestellte der Saatgut-Firmen oder als ihre geknebelten Vertragspartner. Mitunter liefern die Konzerne Saatgut nur in Verbindung mit Herbiziden, gegen die die Pflanzen resistent gemacht wurden, auch wenn die Bauern gar keine Chemie verwenden wollen. Das bekannteste Beispiel ist Roundup-Ready-Soja von Monsanto. Die Herbizide verseuchen Böden und Gewässer und machen die Felder unbrauchbar für eine sinnvolle Fruchtfolge.

Früher gewannen die Bauern überall ihr Saatgut von den besten Pflanzen ihrer Ernte. Heute müssen sie jedes Jahr neues Saatgut kaufen, weil die Samen oft durch ein "Terminator-Gen" keimunfähig gemacht wurden. Die großflächigen Monokulturen sind im übrigen weitaus weniger produktiv als traditionelle Anbauweisen mit Fruchtfolge, Unterpflanzungen und Brachflächen.



Bio-Piraten


Die Artenvielfalt geht auch bei den Kulturpflanzen immer mehr zurück. Dazu trägt die "Öko-Piraterie" bei, die darin besteht, dass Konzerne traditionelle, an die Standorte angepaßte Pflanzen gentechnisch verändern und patentieren lassen. So haben die Gen-Bastler einige der besten und teuersten asiatischen Reissorten wie den indischen Basmati bereits so manipuliert, dass er auch in den USA angebaut und von dort billig exportiert werden kann. Auf diese Weise verlieren die Landwirte in den Ursprungsländern ihre Märkte. Die Menschenrechtsorganisation FIAN berichtet in ihrer Zeitschrift "Food First" über einen aktuellen Fall: US-Forscher haben sich auf zweifelhaften Wegen Samenproben von thailändischem Jasmin-Reis beschafft und arbeiten im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums daran, die Pflanzen an das Klima in den USA und an die maschinelle Ernte anzupassen. Wenn das gelingen sollte, wären 5 Millionen thailändischer Kleinbauern in ihrer Existenz bedroht.


Das Saatgut schützen!

Auch die EU will nun offenbar vor den Interessen der Gen-Industrie einknicken. Im Januar hat die Kommission einen Richtlinien-Entwurf vorgelegt, nach dem konventionelles Saatgut ohne Kennzeichnung mit gentechnisch veränderten Sorten zwischen 0,3 und 0,7 Prozent verunreinigt sein darf. Das entspricht einem Anteil von 30-70 Quadratmetern an einem Hektar Anbaufläche. Bisher gilt als Grenzwert allgemein die Nachweisgrenze von 0,1%. Sollte die Richtlinie angenommen werden und ab Jahresende auch bei uns in Kraft treten, dann wäre ein gentechnikfreier Anbau auch im Öko-Landbau praktisch unmöglich, weil durch den Pollenflug nach und nach alle Äcker infiziert würden. Den Pflanzenzüchterverbänden geht der Entwurf noch immer nicht weit genug. Sie wollen für Saatgut einen Grenzwert von 1%. Dagegen fordern Umwelt- und Öko-Anbauverbände, dass es bei den bisherigen Werten bleibt. Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft sammelt Unterschriften für eine Petition an die EU-Kommission unter dem Titel "Save our seeds", die nach der Sommerpause in Brüssel übergeben werden soll. In der geplanten Form wäre die Richtlinie ein weiterer Schritt zur unkontrollierten Verbreitung einer riskanten Technologie, die schon heute als das "Erdöl des einundzwanzigsten Jahrhunderts" gilt. Wie dieses kann sie viel Geld bewegen, aber ihre Gefährlichkeit ist wohl eher mit der der Atomenergie vergleichbar.


Mehr zum Thema:

• Zukunftsstiftung Umwelt
Hintgrundinformationen: Richtlinie der EU zur Verunreinigung mit gentechnisch verändertem Saatgut.

• Biopiraterie im Reisfeld, FoodFirst, FIAN-Magazin 2/2002

• Greenpeace: Gentechnik überall im Saatgut? Presseerklärung vom 13. Mai 2002.


Die Unterschriftenlisten für die Petition "Save our seeds" sind unter
www.saveourseeds.org
oder
bei der Zukunftsstiftung Landwirtschaft
Rungestraße 19
10179 Berlin
zu erhalten.

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 


Frühere Kolumnen

2010
Januar   Die Wände hochgehen

2009
Dezember   Schluss mit Sushi?
Oktober   König ohne Land
September   Wie man den Souverän entsorgt
August   Weg mit den Gänseblümchen?
Juli   Wer hat das Schwein erfunden?
Juni   Artenschutz - wo sitzen die Bremser?
Mai   Halali mit Nebenwirkung
April   Alles Schrott?
März   Schweinswal und Mäuseöhrchen
Februar   Phantompolitik
Januar   Freiheit oder Klimaschutz?

2008
Dezember   Die Lohas sind unter uns
November   Totgesagte leben länger
Oktober   Noch eine Chance für die Havel?
September   Im Tal der Ahnunglosen
August   Bedrohte Riesen
Juli   Die Freiheit über den Wolken
Juni   Das Schweigen der Frösche
Mai
  Eine Seefahrt die ist schmutzig
April   Grüne Stadt an der Spree?
März   Nicht in die Tüte
Februar   Schön und giftig

Januar

 

Ist die Ostsee noch zu retten?


2007
Dezember   Unterm Pilz
November Wie man die Politik verkohlt
Oktober Kleine grüne Männchen
September In Sack und Asche?
August Bio - gerettet?
Juli Welt der Zwerge
Juni Jeder Berliner hat einen Vogel - statistisch gesehen
Mai Das große Rätselraten
April Ausgerechnet Potsdam...
März Für Birkhuhn und Sonnentau die letzten Moore schützen
Februar Märkische Posse
Januar Abschied von Tiger & Co?

2006
Dezember Naturschutz stört
November Raus aus der Nische
Oktober Palmen am Wannsee?
September Wo sind die Papageien ?
August Bio – Handel stark, Anbau schwach
Juli Sind wir schuld am Artensterben?
Juni Mobil - um welchen Preis?
Mai Und wenn er nicht gestorben ist ...
April Fischzucht - die Rettung?
März Wenn Milchmädchen rechnen...
Februar Du bist das Klima
Januar

Natur auf Abruf?


2005
Dezember Ein wolkiges Gebilde
November Von Schweinen und Menschen
Oktober Kennen Sie EMAS?
September Essen, was die Politik erlaubt?
August Mar del Plástico
Juli Eine anrüchige Geschichte
Juni Zurück zu Lenné
Mai Politik mit Rückständen
April Apotheke Natur
März Kohl oder Bäume?
Februar Unser täglich Dioxin
Januar

"Die Kaufkraft der Schweine"


2004

Dezember Naturschutz in der Stadt – wozu?
November Wie hältst du's mit der Umwelt?
Oktober Rauchzeichen
September 361.000.000.000 $
August Muss Ordnung sein?
Juli Beton rein-Natur raus
Juni Fair beim Frühstück
Mai Sammelmeister und Papiertiger
April Schilda in Brandenburg
März Im Trüben fischen
Februar Die Natur wird umgebaut

Januar

Wann geht uns ein Licht auf?


2003

Dezember Sonst wird Dich der Jäger holen...
November Baumschutz–verbessern statt verwässern!
Oktober Alles halb so schlimm?
September Kein Leben ohne Chemie
August Vertrauen schaffen?
Juli Ein Stoff mit Licht- und Schattenseiten
Juni Wildwest am Teltowkanal
Mai Von Füchsen und Menschen
April Frösche in Zeiten des Krieges
März Teufel auf dem Berg
Februar Krieg gegen die Umwelt
Januar Wo bleibt die Lebensqualität?


2002

Dezember Zitronenfalter vom König
November Wo bleibt die Farbe Grün?
Oktober Wie man seinen Garten verwüstet
September Flüsse in der Zwangsjacke
August Brief aus Schweden
Juli Schöne neue Gentech-Welt?
Juni Sind wir ein Volk von Tierfreunden?
Mai Reiten wir voraus?
April Hoffnung für Schweinswal und Co?
März Energie aus dem Wald?
Februar Rot + Rot = Grün?
Januar Alles wie zuvor?