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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Kolumne im April 2003

Frösche in Zeiten des Krieges

Worüber kann man noch schreiben, wenn Bomben fallen und Ölquellen brennen? Über Krötentunnel, Mauersegler-Kästen oder Seeadler, die an der Bahntrasse brüten? Oder vielleicht eher über die Frage, ob der Mensch selbst, weil es ihm so sehr an Vernunft mangelt, ganz oben auf die Rote Liste gehört? Sicher, es fällt schwer, sich in dieser Situation über totgefahrene Frösche zu erregen. Und dennoch... Wir wissen längst, dass wir alle an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Wir versuchen, mehr oder weniger konsequent, etwas weniger parasitär zu leben. "Nachhaltig" ist das alles nicht, auch wenn das Wort längst so häufig wie nichtssagend gebraucht wird. Dafür versuchen wir im Kleinen, in unserer näheren Umgebung, die Reste von Natur, die uns geblieben sind, zu erhalten. Ist das falsch? Es ist falsch, wenn wir meinen, wir könnten uns darauf ausruhen. Es ist richtig, wenn das Engagement aus dem Bewußtsein kommt, dass wir ohne die Natur allenfalls vegetieren können.


Die Zukunft - eine Kunstwelt?


Immer wieder tauchen Vorstellungen auf, nicht nur bei Sience-Fiktion-Autoren, wir könnten irgendwann, wenn die Erde nicht mehr bewohnbar ist, in den Weltraum ausweichen, in einem geschlossenen, autarken System, wie es einmal in dem Projekt "Biosphere 2000" vorgedacht war. Das hat nicht funktioniert, aber eines Tages könnten die Fehler vielleicht behoben sein. Oder wir könnten in den Megastädten der Zukunft, die dann die ganze Erdoberfläche überziehen, ohne Tiere und Pflanzen leben und unsere Nahrungsmittel auf nanotechnischem Wege herstellen. Schon heute läßt sich der Duft von Kiefernnadeln, der Geschmack von Erdbeeren, lassen sich praktisch alle Aromen künstlich herstellen. Durch technische Tricks können in den Medien längst ausgestorbene Tiere täuschend "lebendig" wieder auferstehen. Unsere Naturerlebnisse beziehen wir ohnehin zum größten Teil aus dem Fernsehen. Denkbar ist vieles, aber möchten wir so leben? Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson*) spricht vom "Zeitalter der Einsamkeit", das die Menschheit erwartet, wenn sie ihre Naturschätze zerstört. Noch gibt es "Hot spots" der biologischen Vielfalt auf der Erde, Gebiete, in denen die Natur halbwegs intakt ist. Und es gibt immer mehr Menschen, denen die drohenden Verluste bewußt werden. In den USA, die gern und meist zu Recht als die großen Umweltignoranten gelten, gibt es private Organisationen wie den TMC (The Nature Conservancy), die mit Erfolg im großen Stil Geld sammeln, um bedrohte Gebiete aufzukaufen und zu schützen. Wilson erzählt von der Surinam-Initiative, der es auf diese Weise gelang, 1,6 Millionen Hektar Regenwald im ehemaligen Niederländisch-Guyana zu schützen.



Erfolge und Desaster

Unberührte Landstriche mit ursprünglicher Artenvielfalt gibt es in unserem dicht besiedelten Land nicht mehr. Seltene, relativ intakte Biotope gibt es noch, vor allem in den neuen Bundesländern, aber sie werden nach wie vor wirtschaftlichen Interessen geopfert. Man denke nur an das Desaster mit dem "Mühlenberger Loch" oder die Zerstörung der Auwälder durch den Ausbau der Flüsse. Andererseits gibt es auch Erfolge der Naturschützer, die zeigen, dass sich das Bewußtsein allmählich verändert. Wenn die Bauarbeiten an der Bahnstrecke Hamburg-Berlin für Monate unterbrochen werden, um ein brütendes Seeadlerpaar nicht zu stören, dann ist das ein Hoffnungszeichen. Auch in Zeiten des Krieges.

Marianne Weno


*) Edward O. Wilson: Die Zukunft des Lebens. Siedler Verlag, 2002

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 



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