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AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS

Kolumne im April 2002

Hoffnung für Schweinswal und Co?
Zur 5. Nordseekonferenz in Bergen

Erschreckende Bilder im Fernsehen: ein Trawler in der Nordsee auf Schollenfang. In den Netzen, die Tag für Tag den Meeresboden umpflügen, finden sich neben wenigen nutzbaren Fischen Massen von Klein- und Jungfischen, Seesternen und anderen Meerestieren, die als unbrauchbarer "Beifang" größtenteils tot ins Meer zurückgeworfen werden. Nicht nur die die Kabeljau-Bestände drohen durch die Überfischung immer mehr zurückzugehen und in absehbarer Zeit ganz auszusterben, auch gerät die Artenvielfalt bei den nicht nutzbaren Meeresbewohnern in Gefahr. Die Nordsee-Fischer werden nur eine Zukunft haben, wenn es gelingt, in den Anrainerstaaten Regeln für eine nachhaltige Fischerei durchzusetzen. Aber wie überall gilt auch hier nach wie vor das Prinzip: lieber sägen wir selbst den Ast ab, auf dem wir sitzen, als dass es andere tun.


Ende der Kleinwale

Etwa 7500 Schweinswale und andere Meeressäuger, die regelmäßig zum Atmen auftauchen müssen, ertrinken jedes Jahr, weil sie sich in den Stellnetzen der Fischer verfangen. Wenn dieses Massensterben nicht aufhört, wird es bald keine Wale mehr in der Nordsee geben. Auch Wasservögel gehen in den Netzen zugrunde.

Bedroht ist das Ökosystem Nordsee ferner durch Schadstoffe, die durch Havarien und unerlaubte Einleitungen von Schiffen ins Meer gelangen, durch die Giftfracht der Flüsse und durch Überdüngung, die hauptsächlich aus der Landwirtschaft stammt. Gefahren drohen auch durch das Antifoulingmittel Tributylzinn (TBT) und durch die radioaktiven Stoffe, die zum größten Teil aus Sellafield kommen und in erheblichen Mengen noch an der norwegische Küste gemessen werden.


Fischfarmen stören das Gleichgewicht


Weitere Probleme entstehen durch die Fischzuchtanlagen, die den Rückgang der freilebenden Fische ausgleichen sollen. Aus den Farmen gelangen nicht nur Nährstoffe und Medikamente ins offene Meer, sondern auch nicht einheimische Fischarten. Außerdem werden die Zuchtfische mit Fischmehl aus der sogenannten "Gammelfischerei" gefüttert, die erheblich zur Artenverarmung beiträgt.

Mit dem Ballastwasser der Schiffe werden Organismen aus anderen Meeren eingeschleppt, die sich unkontrolliert vermehren und das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen können. Eine zusätzliche Gefahr besteht darin, dass gentechnisch veränderte Arten freigesetzt werden könnten, die sich nie wieder zurückholen lassen.


Windenergie vom Meer - und die Folgen

Schließlich sind zahlreiche Off-Shore-Windkraftanlagen geplant, deren Auswirkungen auf die marine Tierwelt noch nicht bekannt sind. Der deutsche Vorschlag, diese Technik nur schrittweise einzuführen und die Folgen zu beobachten, fand keine Mehrheit auf der fünften Nordssekonferenz, die am 20. und 21. März im norwegischen Bergen stattfand. Dazu mag die peinliche Tatsache beigetragen haben, dass es die Flugbereitschaft der Bundeswehr wegen "technischer Probleme" nicht geschafft hatte, Umweltminister Trittin an den Tagungsort zu bringen.


Rettung für die Wale?

Wie auf den Konferenzen zuvor wurde in Bergen über alle Bedrohungen der Nordsee ausführlich debattiert. Am Anfang stand ein Fortschrittsbericht (Progress Report), der das bisher Erreichte und die weitaus größeren Defizite auflistete. Am Ende wurde eine Ministererklärung verabschiedet, in der zu allen Probleme beherzigenswerte Ziele formuliert sind. So will man künftig das Ökosystem Nordsee als Ganzes betrachten, erforschen und schützen. Ein Netz von Schutzzonen soll eingerichtet werden. Der britische Umweltminister Meacher versprach, seine Regierung werde schnell über die Reduzierung oder Beendigung von Nuklear-Emissionen aus Sellafield entscheiden. Auch heißt es in dem Papier, es müsse alles unternommen werden, was möglich ist, um die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in die Meere zu verhindern.

Am spektakulärsten war wohl der Beschluss, einen Rettungsplan für die Schweinswale zu entwickeln. Durch neuartige Netztechniken soll der Anteil der getöteten Meeressäuger von jetzt vier bis fünf Prozent auf unter ein Prozent gesenkt werden. Das ist auch als Erfolg der WWF-Kampagne "Rettet die Nordseewale" zu sehen.


Jetzt ist Handeln gefragt

Offenbar ist nach einer Reihe mehr oder weniger folgenloser Konferenzen jetzt das Bewusstsein dafür gewachsen, dass die Nordsee ein schwerkranker Patient ist, der nur durch radikale Therapien zu retten ist. Dazu muss aus den Absichtserklärungen konsequente Politik werden. Erste Gelegenheit: für dieses Jahr ist eine Reform der europäischen Fischereipolitik geplant. Verbraucherministerin Renate Künast will sich bei der EU für eine umweltverträgliche, nachhaltige Bewirtschaftung der Meere einsetzen. Dafür verlieh ihr der WWF schon im voraus einen goldenen Dreizack als "Hüterin der Meere und seiner Lebewesen". Hoffen wir, dass sie ihn sich verdient.


Mehr zum Thema:

WWF-Aktion zur Rettung des Schweinswals

Presseinformationen derAktionskonferenz Nordsee e.V.

 

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 


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