KontaktEnglish
Spenden
Newsletter
Suche:
AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS
Kolumne im Januar 2002

Alles wie zuvor?

Kettenraucher, die sich vor BSE fürchten, Autofahrer, die schon immer Angst vor dem Fliegen hatten, obwohl der Straßenverkehr weitaus gefährlicher ist - sie und wir alle gehen mit den Risiken des Lebens eher irrrational um. Die "german angst", in anderen Ländern zum geflügelten Fremdwort geworden, richtet sich vorzugsweise auf das falsche Objekt. Immerhin müssen wir die Folgen unserer Fehleinschätzungen selbst tragen, aber die Politik, die für unsere Sicherheit zu sorgen hat, sollte Gefahren schon möglichst rational bewerten.

Der 11. September hat vor allem deshalb so viel Unsicherheit erzeugt, weil wir erfahren mussten, dass unsere Kultur und Zivilisation verwundbarer ist, als wir je geahnt hatten. Dieser Gedanke wird uns nicht mehr verlassen. Dennoch leiden unsere Politiker nach wie vor an selektiver Wahrnehmung. Reale Bedrohungen, die sich jeder ohne viel Phantasie ausmalen kann, werden ignoriert, weil man schwer kalkulierbare Beschlüsse scheut. Dafür soll ein eilig zusammengeschnürtes "Sicherheitspaket" den Eindruck erwecken, die Regierung habe die Situation im Griff.


Was heißt "Restrisiko?


Eine Zeitlang hatte die vermeintliche Gefahr durch Milzbrand-Erreger sogar die Angst vor Kampfhunden verdrängt. Merkwürdig nur, dass zur gleichen Zeit die konkrete Möglichkeit einer Katastrophe, deren Ausmaße das Desaster von New York um Größenordnungen übertreffen würde, weder von der Bevölkerung noch von der Politik, noch von den Medien deutlich und anhaltend wahrgenommen wurde. Gemeint ist die Tatsache, dass Terroristen keine Atomwaffen bräuchten, wenn sie große Gebiete in Europa atomar verseuchen wollten, weil wir uns selbst mit dem nötigen Arsenal umgeben haben: mit Atomkraftwerken, Zwischenlagern, Wiederaufbereitungsanlagen, die allesamt nicht gegen Angriffe nach dem Muster von New York und Washington ausgelegt sind. Das rein zufällig verhinderte "Schuh-Attentat" vom 22. Dezember hat gezeigt, dass der Luftverkehr nicht zuverlässig vor Selbstmord-Attentätern zu schützen ist.

Mag sein, dass ein solcher Anschlag eher unwahrscheinlich ist. Will man jedoch ein Restrisiko beurteilen, dann muss man neben der Eintrittswahrscheinlichkeit - die seit dem 11. September unbestreitbar zugenommen hat - auch das voraussichtliche Ausmaß des Schadens bedenken. Das wäre bei einem Super-GAU bei uns oder unseren Nachbarn weit verheerender als alles, was es bisher an menschengemachten Katastrophen gegeben hat.



Nur nicht daran rühren

Bundesinnenminister Schily hat erklärt, es gäbe keine Anhaltspunkte dafür, dass Anschläge auf Atomanlagen geplant seien. Wie beruhigend. Vor dem 11. September hat auch niemand das World-Trade-Center für gefährdet gehalten. Selbst die Grünen haben sich bei ihrem ureigenen Thema bisher still verhalten, und Bundesumweltminister Trittin hat nur vage Atombetreiber und die Atomaufsicht "zu erhöhter Wachsamkeit aufgefordert" und läßt prüfen, "ob eine Abschaltung der Reaktoren bei Gefahr etwas brächte". Offenbar waren alle Beteiligten froh, dass am 14. Dezember der fabelhafte "Atomkonsens" sang- und klanglos über die Bühne des Bundestages gegangen ist. Freilich: CDU und FDP wollen das Gesetz trotz allem wieder rückgängig machen, falls sie dazu Gelegenheit haben, und es sieht nicht so aus, als ob daraus ein heiß umstrittenes Wahlkampfthema würde.


Ein Volk von Verdrängern?

Der Protest in der Öffentlichkeit ist vollständig ausgeblieben. Eine Anti-Atombewegung hätte heute vielleicht eine Chance - wenn es sie noch gäbe. Wenn überall Tausende auf die Straßen gingen, um zu fordern, dass die hausgemachten Zeitbomben jetzt abgeschaltet werden und nicht erst in zwanzig Jahren, dann könnte die Politik sich bei dem Thema nicht tot stellen. Ist den Menschen nicht bewusst oder verdrängen sie, was beim Absturz eines vollgetankten Passagierflugzeuges zum Beispiel auf Biblis passieren würde? Frankfurt am Main eine Geisterstadt, das hessische Umland für Jahrzehnte oder Jahrhunderte unbewohnbar. Klaus Traube, energiepolitischer Sprecher des BUND, beschreibt das Horrorszenario: "In Tschernobyl wurde ein Radius von 30 Kilometern um den Reaktor kurzfristig geräumt - das betraf rund 100.000 Bewohner. In einem solchen Umkreis müssten im viel dichter besiedelten Deutschland bis zu zwei Millionen Menschen sofort evakuiert werden. Es käme zu einer entsetzlichen Panik. Und an den Spätfolgen... würden Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende sterben."


Was das Atomrecht verlangt

Frühere Kolumnen
Zur Begründung des geplanten "Ausstiegsgesetzes" hieß es in der Koalitionsvereinbarung, die Risiken der Kerntechnik seien nicht zu verantworten. Schon nach den Konsensverhandlungen musste man sich fragen, warum sie dann noch 20 Jahre lang verantwortbar seien und erst danach nicht mehr. Heute scheint, angesichts der neuen Situation, jeder Tag mit Atomstrom zu viel. Abschalten wäre möglich, es gibt genug Überkapazitäten. Allerdings wären große Anstrengungen nötig, um die klimaschädlichen Kohlekraftwerke sehr bald durch erneuerbare Energien und Einspartechniken zu ersetzen. Greenpeace hat alle zuständigen Landesministerien aufgefordert, die Betriebsgenehmigungen der Atomkraftwerke zu widerrufen, weil das Atomgesetz dies bei erheblichen Gefährdungen von Beschäftigten, Dritten oder der Allgemeinheit verlangt. Solche Gefährdungen kann heute nur noch bestreiten, wer ahnungs- oder verantwortungslos ist.

Die Kolumne gibt nicht unbedingt die Meinung der Gremien der Stiftung Naturschutz Berlin wieder.

 


Frühere Kolumnen
2002    

Juli
Juni

Mai
April

März
Februar
Januar

2001
Dezember

Schöne neue Gentech-Welt?
Sind wir ein Volk von Tierfreunden?
Reiten wir voraus?
Hoffnung für Schweinswal und Co?
Energie aus dem Wald?
Rot + Rot = Grün?
Alles wie zuvor?

Mehr als gute Absicht?