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Stiftung Naturschutz Berlin - Kolumne des Monats
AKTUELLES KOLUMNE DES MONATS
Marianne Weno Marianne Weno, greift monatlich aktuelle Entwicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.

Kolumne im März 2010

Freunde und Feinde

Was haben Mensch und Kormoran gemeinsam? Beide mögen Fisch, und sie verzehren zu viel davon. Der Unterschied: Der Mensch könnte seine Vernunft gebrauchen und sich einschränken, um die gefährdeten Fischbestände zu erhalten. Der Kormoran kann das nicht. Er lebt vom Fisch. Anders als der Mensch tötet er nicht mehr, als er fressen kann. Er kennt keinen Beifang und wirft keine Fische weg, weil sie ihm zu klein sind. Und doch behaupten Berufsfischer, Angler und Teichwirte, er würde die Gewässer leerfischen. Deshalb haben die zweibeinigen Fischfreunde in fast allen Bundesländern Kormoran-Verordnungen durchgesetzt, nach denen der schwarze Vogel mit den grünen Augen nahezu unbeschränkt gejagt werden darf – auch während der Brutzeit und sogar in Naturschutzgebieten - obwohl die Vogelschutzrichtlinie der EU und das Bundesnaturschutzgesetz gerade das verbieten. Ausnahmen sind erlaubt, und so werden in Deutschland 15 000 Kormorane im Jahr abgeschossen, Gelege zerstört und Jungvögel im Nest getötet. In Brandenburg beschränkte sich die erste Kormoran-Verordnung von 1999 noch auf den Schutz der Teichwirtschaft. Im Wahlkampf 2004 wurde Fischern und Anglern die verschärfte Verordnung versprochen, nach der Wahl erlassen, gegen Bedenken im Umweltministerium*), und 2 Tage nach der Landtagswahl 2009 verlängert – wer denkt sich schon Böses dabei?  

Die wirklichen Naturschützer
Dabei war der Kormoran bei uns schon einmal fast ausgestorben. 1979 wurde er europaweit unter Schutz gestellt und hat sich seitdem wieder kräftig vermehrt. Man schätzt, dass es in Deutschland jetzt etwa 24 000 Brutpaare gibt. Damit könnte es jedoch bald vorbei sein, denn die Kormoranfeinde bilden eine starke Lobby. Zwischen ihnen und den Naturschützern gibt es eine Dauerfehde, die richtig angefacht wurde, als der NABU den Kormoran zum „Vogel des Jahres“ erklärte. Der Verband Deutscher Sportfischer nannte das einen „Schlag in das Gesicht aller Demokraten und wirklichen Naturschützer“. Inzwischen gibt es Vereine der Kormoranfeinde, wie den von der FDP unterstützte „Fischschutz contra Kormorane e.V.“ Im Internet kursieren Rezepte für Kormoranbraten und in Berlin bieten Angler Kormoranbrüstchen zum Kauf an. Sportangler reden von „Unterwasserterroristen“. Der Sportfischer- und der Anglerverband Deutschlands verstiegen sich zu der Aussage, der Kormoran habe zwar eine Existenzberichtigung, aber nicht das Recht, andere Arten auszurotten. Die Frage ist, wer hier wen ausrotten möchte.

Meistertaucher
Kein Zweifel, der Komoran ist ein besserer Fischer als der Mensch. Er kann 30 Meter tief tauchen und 90 Sekunden unter Wasser bleiben. Und er frisst eine ganze Menge Fisch. 500 Gramm pro Tag sollen es sein. Aber mehrere Gutachten im Auftrag des Umweltministeriums in Brandenburg haben ergeben, dass dadurch kein erheblicher fischwirtschaftlicher Schaden entsteht. In natürlichen Gewässern fängt er hauptsächlich Arten, auf die Angler keinen Wert legen: Rotaugen, Brachsen und andere Weißfische, die man in Berlin zum Beispiel gern durch das fragwürdige Spektakel Wettangeln dezimiert. Aale, deren Rückgang man dem Kormoran anlastet, leiden eher unter Krankheiten und schlechter Wasserqualität. Auch der Ausbau der Flüsse schadet der Fischfauna. Das war schon so, als es kaum Kormorane in Brandenburg gab.
Anders sieht es für die Teichwirtschaft aus. Ein schöner Forellenteich bietet hungrigen Vögeln ein Festmahl. Da lässt sich der Ärger der Teichbesitzer verstehen. Aber es gibt Möglichkeiten, die Anlagen zu schützen, durch Netze und verschiedene Vergrämungsmethoden. Würden die Kormoranfeinde ihre maßlose Polemik gegen den Vogel des Jahres aufgeben und sich mit den Naturschützern an einen Tisch setzen, dann ließen sich dafür wohl vernünftige Konzepte finden. Aber abschießen ist einfacher.

Schwarze Vögel sich versammeln...“
(Rabenschrey)
Der Hass auf den Vogel hat längst irrationale Züge angenommen. Schwarze Vögel sind unbeliebt. Sie gelten als uralte Traum- und Unglückssymbole. Es gibt Krimis mit dem Titel „Schwarze Vögel“ und den Song der Band Rabenschrey aus den achtziger Jahren, in dem es heißt “... kommen in den Träumen und lassen ihre Schatten dort...“. Gemeint sind wohl eher Raben und Krähen, aber eine Brutkolonie mit vielen Kormoranen auf einem großen Baum kann unheimlich wirken. Ein eher prosaischer Grund ist, dass Fischer und Angler die Fische selbst in freien Gewässern als ihr Eigentum betrachten. Umweltschützer kritisieren, dass massenhaft Fische ausgesetzt werden, mit Vorliebe Raubfische wie Regenbogenforelle und Zander, und dass damit die Fischfauna verfälscht und die natürliche Beute des Kormorans dezimiert wird.

Wem nützt es?
Leider steht die Politik fast überall auf Seiten der Kormoranjäger. Obwohl der Vogel zu den bedrohten Arten zählt und eigentlich europaweit geschützt sein sollte, nutzt sie die Möglichkeit einer „Ausnahmeregelung“, um flächendeckend seine Verfolgung zuzulassen – einer nicht ganz kleinen Interessengruppe zuliebe. Fischer und Angler sind schließlich auch Wähler.
                                                                                                                      Marianne Weno

*)Quelle: Dr. Elke Ditscherlein: „Der Kormoran und seine Verfolgung“. Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg. oekom

 
 

 


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